Nächste Woche kommt des Kanzlers letzte Chance

Noch ist Ludwig Erhard die Schlüsselfigur in Bonn. Noch wird es gegen seinen erklärten Willen keinen anderen Kanzler geben – so sehr auch der rapide Stimmungsverfall in den Regierungsparteien und in der Öffentlichkeit auf ein vorzeitiges Ende der Kanzlerzeit Erhards hinzudeuten scheint. Aber wie lange wird Erhard die Schlüsselrolle noch erhalten bleiben?

Mit beispielloser Offenheit zerzausen führende Unionspolitiker ihren Regierungschef: seine Eignung als Kanzler und seine Entschlußkraft werden angezweifelt, seine Armut an langfristigen Ideen beklagt. Adenauer, Strauß und Barzel, der eines feines Gespür für Veränderungen des politischen Klimas besitzt, ließen ihrem aufgestauten Unmut freien Lauf.

Führende Freie Demokraten, an der Spitze Schatzmeister Rubin, fordern sogar die Abwahl des Kanzlers. Mende distanzierte sich zwar, doch auch er versetzte Erhard einen Stich. Dabei ist überall nur die Spitze des Eisbergs sichtbar geworden und nicht etwa das volle Ausmaß des Vertrauensschwundes. Seit dem 10. Juli, an dem die Wahl in Nordrhein-Westfalen für die CDU mit einem Keulenschlag endete, ist das Pendel der Stimmungen noch weiter ausgeschlagen: Die Zahl der Anhänger Erhards schrumpfte von 44 auf 30 Prozent, die seiner Gegner sprang von 26 auf 38 Prozent. Die SPD führt heute mit 47 Prozent vor der CDU, die auf 42 vom Hundert abgesackt ist. Die schleichende Inflation, die sich ausbreitende Furcht, Erhard werde mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht mehr fertig, lassen seinen Stern auch im breiten Publikum verblassen. Der öffentliche Mißmut heizt den Unwillen in den Regierungsparteien an.

Erhards politische Führungskunst war auch von jenen nicht sehr hoch eingeschätzt worden, die ihn auf ihren Schild hoben. Schon gar nicht in der Außenpolitik, wo er keine Erfahrung mitbrachte. Man hatte geglaubt, Erhard als Wahllokomotive benutzen zu können. Sein respektabler Erfolg bei der Bundestagswahl erfüllte zunächst die Wünsche. Aber seitdem steht die Lokomotive nur noch unter Dampf. Sie, zieht nicht mehr. Hierüber vor allem ist die Partei zutiefst beunruhigt – mehr als über Entschlußlosigkeit oder Fehlleistung. Mit Bangen starrt die CDU auf die nächsten Wahlen in Hessen (im November), besorgter noch auf Rheinland-Pfalz (im kommenden März), wo die SPD kräftig in katholische Festungen eingebrochen ist und der Ausgang auf des Messers Schneide steht.

Auf ganz andere Weise lastet auch die bayerische Wahl im November als Alpdruck auf der Partei. Die CSU darf sich einen sicheren Sieg ausrechnen, und von dem dann mit frischer Autorität ausgestatteten Parteiführer Strauß wird ein machtpolitischer Einfluß erwartet, dessen Reichweite die Phantasie schon heute beschäftigt. Wie sehr, das läßt sich an den verwegenen Spekulationen ablesen, die an die Aussöhnungsofferte von Strauß an Schröder geknüpft werden. Erhards Zukunft aber hängt jetzt und lange vor den Wahlen entscheidend vom Schicksal der Stabilisierunggesetze ab: davon nämlich, ob sie angenommen werden, ob der Kanzler dieses Instrument zu nutzen versteht und ob es ihm gelingt, neues Vertrauen zu schaffen.

Wenngleich Erhard den Unmut über seine Regierungsführung als Begleiterscheinung der "Saure-Gurken-Zeit" des Hochsommers abtut, hat er den Ernst seiner Situation erfaßt. Er rief das Kabinett für den 26. August zusammen; Sitzungen des Parteipräsidiums folgen. Gefahr droht ihm nicht nur wegen der Finanzmisere. Auch die zerfließenden Linien seiner Außenpolitik, die keine langfristigen Perspektiven erkennen läßt, und seine Sprunghaftigkeit werden im Parteipräsidium alte Gegensätze aufs neue aufreißen.