Seit dem 1. August liegt die Agrarofferte der EWG auf dem Verhandlungstisch der Kennedy-Runde in Genf. Die internationalen Zollsenkungsverhandlungen haben damit "grünes Licht" erhalten. Innerhalb des GATT-Sekretariats herrscht wieder zuversichtliche Stimmung. Es bestehen keine ernsthaften Zweifel mehr daran, daß der große internationale Zollschnitt erfolgreich und fristgerecht bis Februar/März des kommenden Jahres durchgeführt werden kann. Das würde genügend Zeit lassen, um die zu erwartenden Genfer Beschlüsse noch rechtzeitig durch die zeitraubende amerikanische Parlamentsprozedur zu bringen. Am 30. Juni 1967 laufen die Sondervollmachten des amerikanischen Präsidenten für die Senkung der amerikanischen Zölle aus.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben zahlreiche Konferenzen zur Intensivierung und Ausweitung des Welthandels stattgefunden. Zunächst wurde im Herbst 1947 von 23 Staaten das "Allgemeine Abkommen über Zölle und Handel" geschlossen, das nach den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnung "General Agreement on Tariffs and Trade" den Namen GATT erhalten hat.

Zur GATT-Organisation gehören heute 70 Staaten als Vollmitglieder. Unter ihnen befindet sich als Gründerstaat auch die Tschechoslowakei, die im Jahre 1947 noch nicht kommunistisch war, und seit dem Sommer dieses Jahres auch Jugoslawien, das durch wesentliche Zugeständnisse an das GATT-Grundprinzip der Meistbegünstigung seine Aufnahme als Vollmitglied möglich machte. Diese 70 GATT-Vollmitglieder tätigen mehr als 90 Prozent des Welthandels.

Bald nach der Gründung des GATT fand 1949 in Annecy die erste internationale Nachkriegskonferenz statt die durch den Abbau von Zöllen und sonstigen Handelsbeschränkungen eine Ausweitung des Welthandels zu erreichen suchte. Weitere Konferenzen mit der gleichen Zielsetzung fanden 1951 und 1956 in Torquay sowie 1961/62 in Genf statt.

Wurde das Ziel der Beseitigung der internationalen Handelshemmnisse bisher durch ein selektives Verfahren angestrebt (Verhandlungen über Ware gegen Ware), so ist diesmal bei der Kennedy-Runde, deren Hauptinitiator der ermordete amerikanische Präsident John F. Kennedy war, eine lineare Halbierung der Zollsätze das Ziel.

Mit der Vorbereitung der gegenwärtig in Genf stattfindenden Verhandlungen wurde bereits Ende des Jahres 1962 begonnen. Die Kennedy-Runde wurde im Mai 1963 von einer GATT-Ministerkonferenz formell beschlossen. 1964 lief dann die umfassendste internationale Handelskonferenz praktisch an, die es je gegeben hat. Die von ihr vorgesehene lineare 50prozentige Zollsenkung ist deshalb besonders bedeutungsvoll, da durch die vorangegangenen Handelskonferenzen und durch die stetige Arbeit der GATT einzelne Zölle bereits verringert werden konnten und mengenmäßige Handelsbeschränkungen stark abgebaut wurden. Die bestehen gebliebenen und verfestigten Zölle wurden durch den vorangegangenen Eliminierungsprozeß jedoch in ihrer Bedeutung um so größer für den Welthandel.

Die Ursprungsplanung für die internationalen Zollsenkungsverhandlungen ging dahin, den Einfuhrschutz in seiner Gesamtheit ganz wesentlich zu verringern. Dabei dachte man ganz besonders an diejenigen Produkte, bei denen 80 Prozent des Welthandels von den USA und einer um Großbritannien erweiterten EWG abgedeckt werden. Mit dem französischen Veto gegen den Eintritt Großbritanniens in die EWG wurde vornehmlich unter französischer Einwirkung diese sehr weit reichende Ursprungs-Zielsetzung auf eine lineare Halbierung der Zölle für ganze Gütergruppen und eine möglichst weitgehende Verringerung der nicht zollmäßigen Handelshemmnisse reduziert. Ob jedoch der durchschnittlich 12 Prozent des Warenwertes betragende Außenzoll der EWG und die vielfach noch niedrigeren Zollsätze der EFTA-Staaten auch praktisch halbiert werden können, ist ein noch offenes Problem. Kommt es dazu, dann wird zugleich ein Teil der Schwierigkeiten aus der Welt geschafft, die durch die Blockbildung EWG/EFTA entstanden sind. Ein Erfolg der Kennedy-Runde würde darüber hinaus nicht unerheblich zu einer Verringerung der handelspolitischen Spannungen in allen Teilen der Welt beitragen.