In der gegenwärtigen Verhandlungssituation vermag in Genf noch niemand grob abzuschätzen, wie groß – in Prozenten ausgedrückt– der Anteil der "Ausnahmen" an den Tausenden der zu verhandelnden Zollpositionen ist. Theoretisches Einvernehmen besteht jedoch darüber, daß die Ausnahmen möglichst klein gehalten werden sollen.

Ein weiteres schwieriges Problem, dessen Lösbarkeit im Augenblick noch kaum übersehen werden kann, liegt im amerikanischen Selling Price System. Dieses System, das auch noch aus der Zeit des amerikanischen Zollprotektionismus stammt, wird zwar nur auf bestimmte Chemikalien angewendet, stellt aber bei der Bedeutung dieser Chemikalien ein großes Handelshemmnis dar. Beim Selling Price System wird der Zollsatz nicht nach dem Wert der Ware im amerikanischen Ankunftshafen berechnet, sondern nach dem jeweiligen und in der Regel immer höher liegenden Preis des amerikanischen Konkurrenzproduktes festgelegt.

Ein Verzicht auf das Selling Price System würde nicht nur außerordentlich zeitraubende Parlamentsprozeduren notwendig machen,sondern auch die Interessen mächtiger amerikanischer Wirtschaftsgruppen so entscheidend berühren, daß sie unter Umständen in der Lage wären, durch systematische Obstruktion die rechtzeitige Annahme der Genfer Beschlüsse durch den USA-Kongreß zu verhindern. Von den Handelspartnern der USA wird daher nicht mehr eine Aufhebung des Selling Price System gefordert, sondern eine Reduzierung seiner protektionistischen Auswirkungen.

Bei den anderen Handelshemmnissen, die nicht durch zu hohe Zölle verursacht sind, haben mengenmäßige Importbeschränkungen bisher in Genf keine allzu schwierigen Probleme aufgeworfen, da mengenmäßige Restriktionen im internationalen Handelsverkehr nur noch von untergeordneter Bedeutung sind. Ein weitaus wichtigeres Problem stellt jedoch das Dumping dar, das beispielsweise im Handelsverkehr zwischen den USA und Japan ein nicht unerhebliches Problem ist. Aber auch eine ganze Reihe anderer Länder suchen sich gleichfalls gegen eine Überschwemmung mit billigen japanischen Transistoren, Photoapparaten und Hongkong-Textilien durch Praktiken der verschiedensten Art zu schützen. Die Überprüfung dieser Schutztechniken, wie beispielsweise die Festsetzung bestimmter einfuhrhemmender Industrienormen oder Sicherheitsvorschriften, wird die Genfer Konferenz – aller Voraussicht nach – schon allein aus Zeitgründen nur oberflächlich vornehmen können.

Das schwierigste Problem, das die Kennedy-Runde bisher belastet hat, war die Agrarfrage. Viele der westeuropäischen Staaten, die in den letzten Jahren aus Importeuren zu Exporteuren von Agrarprodukten geworden sind, wollen ihrer Landwirtschaft weiterhin Schutzmaßnahmen angedeihen lassen, die auf härteste Kritik bei den USA und anderen Agrar-Exportstaaten stießen und stoßen.

Da bis zum 1. August in Genf bis auf Getreide kein Agrar-Angebot der EWG vorlag, die Amerikaner aber Zugeständnisse auf dem Industriesektor von entsprechenden Zugeständnissen auf dem Agrarsektor abhängig machten, war hierdurch: die Kennedy-Runde weitgehend lahmgelegt.

Die Agrar-Offerte der EWG, die in der Konferenzpause des August von den Sachverständigen aller Länder eingehend geprüft wird, hat im übrigen noch einen kleinen Schönheitsfehler. Sie enthält noch keine Angebote für Zucker, ölprodukte und Tabak. Sie rechtzeitig einzureichen war der Kommission auch nach der erfolgten Einigung in Brüssel nicht möglich, da zur Ausarbeitung die notwendige Zeit fehlte. Die Restofferte für diese drei Teilsektoren soll bis Anfang November in Genf nachgereicht werden.

In den ersten Kritiken an der EWG-Agrarofferte wird darauf hingewiesen, daß diese eigentlich kein Angebot einer Handelsliberalisierung mit Agrarerzeugnissen darstelle, sondern mehr auf eine internationale Agrarordnung hinziele. Allerdings könne im Landwirtschaftssektor auch nicht mit gleichen "Liberalisierungsmitteln" operiert werden wie im Industriesektor. Im Bereich der Landwirtschaft müsse jede Form der Handelserleichterung anderen Kriterien gehorchen als im Industriesektor. Aloys Murrenbach