Nachgerade könnte man neidisch werden auf die Bayern. In Schleswig-Holstein raufen sich Eltern die Haare, weil ihre Kinder nun ein halbes Jahr eher als vorgesehen mit der Schule fertig sind – was anfangen mit dem halben Jahr? In Hamburg werden alle Pläne wieder rückgängig gemacht, weil die Abiturienten des nächsten Jahrgangs nun doch ein halbes Jahr später fertig werden als vorgesehen – wer gibt ihnen dieses halbe Jahr wieder?

In Bayern sind sie fein raus: Dort wußten sie halt schon immer, daß ein Schuljahr im Herbst anzufangen hat.

Doch damit nicht genug. Dort gibt es nicht nur demnächst eine Olympiade und eine Untergrundbahn; dort gibt es nicht nur die Frau Hamm-Brücher und den Minister Huber. Dort gibt es auch den Alois Schardt.

Alois Schardt leitet das Dritte Fernsehprogramm. Wie seine Kollegen in Frankfurt und Köln, in Berlin und Hamburg war er sich mit den Verantwortlichen darin einig, daß dieses Programm ein bißchen weniger der Unterhaltung und ein bißchen mehr der Bildung dienen sollte.

Aber darüber hinaus hat Alois Schardt einen tiefen Einblick getan in bildungshungrige Seelen und dort gelesen: Bildung, an sich und als solche, nun ja, ganz schön, kann ja nicht schaden; aber so recht erstrebenswert ist doch eigentlich erst, was man schwarz auf weiß besitzt, ein. Dokumentchen, das beweist, Inhaber desselben sei, wo nicht ganz und gar reif, immerhin der mittleren Reife teilhaftig.

Denn so kündeten es die Fernschreiber der Assoziierten Presseagentur aller Welt: Die mittlere Reife können vom 1. Januar 1967 an alle interessierten Fernsehteilnehmer erreichen, die allabendlich in Bayern um 18 Uhr ihren Apparat auf das Dritte Programm einschalten. In einer zweijährigen "Fernsehschulzeit" können alle, die im Telekolleg mitmachen, das Zeugnis der mittleren Reife vom Bayerischen Kultusministerium erhalten. Wie das Bayerische Fernsehen mitteilte, sollen bereits am 18. September die Testsendungen beginnen. Jeder Interessent, der sich beim Bayerischen Rundfunk für den Lehrgang anmeldet, erhält die notwendigen Schulunterlagen. Es ist geplant, daß sich die Fernsehschüler und -lehrer in regelmäßigen Abständen in kleineren Gruppen treffen, um über eventuelle Schwierigkeiten und Unklarheiten zu diskutieren. Außerdem werden dabei auch "Schularbeiten" korrigiert. Die übrigen schriftlichen Arbeiten sollen per Post ein- und zurückgeschickt werden. Jedes Jahr wird in einer Prüfung festgestellt, ob der Schüler den Anforderungen des Telekollegs gerecht wird.

Die Einsicht, wir rühmten sie schon. Und doch ist nicht sie Schardts größte Leistung. Schlechterdings bewundernswert ist, daß es ihm gelang, die Ministerialbürokratie eines Kultusministeriums davon zu überzeugen, daß auf so unorthodoxe, so neumodische, wo nicht geradezu amerikanische Weise erworbene Bildung von seriösen Pädagogen geprüft und anerkannt werden könnte.

Wir verkennen nicht, daß sich dagegen mancherlei Einwände vorbringen lassen. Der höchst löbliche Versuch des Bayerischen Fernsehens ist es um so mehr wert, mit Sorgfalt und Kritik beobachtet zu werden. Tamen est laudanda voluntas. Nachgerade könnte man neidisch werden auf die Bayern. Leo