Unser Kritiker sah:

AGRIPPINA

Oper von Georg Friedrich Händel

Münchner Festspiele, Cuvilliestheater

Von der vierten und letzten Premiere der Münchner Opernfestspiele – in einem barocken Hoftheater eine Händel-Oper aus dem Jahre 1709 – durfte man eine künstlerische Delikatesse erwarten. "Agrippina" war vor einigen Monaten in Darmstadt neu vorgestellt worden, Rudolf Hartmann richtete sie für das Cuvilliestheater ein.

Doch Hartmann hat diesen frühen Händel und sich selber als Regisseur falsch eingeschätzt.

Nach einem Libretto Vincenzo Grimanis komponierte der Deutsche Händel als schnell begreifender Adept seines Gastlandes Italien für Venedig ein zwar gelegentlich frivol unterhaltsames, ansonsten aber recht zähes Stück: Die römische Kaisergattin Agrippina möchte ihren Sohn Nero zum Nachfolger des vermeintlich ertrunkenen, dann aber wieder auftauchenden Kaisers Claudius erheben. Damit sie nach zwei großen Pausen und dreieinhalb Opernstunden ihren Willen endlich erfüllt bekommt, muß die "vornehme Römerin" Poppea in ihrem Boudoir drei Liebhaber (darunter den Kaiser) einander belauschen lassen und schließlich den Feldherrn Otho heiraten. Der rettet dann die vorher strapazierte Moral durch seinen Verzicht auf den Thron.