Ermutigend nennt der amerikanische Psychiatrie-Professor D. Ewen Cameron die ersten Ergebnisse, die er bei der klinischen Erprobung eines Arzneimittels erzielte, von dem man annimmt, es könne die Merkfähigkeit verbessern. Neunzehn Patienten, die unter Vergeßlichkeit litten, hatten das Präparat Magnesium-pemolin erhalten, und schon nach einer knappen Woche war bei zwölf der Kranken eine deutliche Steigerung der Merkfähigkeit festzustellen. In den übrigen sieben Fällen, in denen die Behandlung erfolglos war, handelte es sich durchweg um Personen mit sehr weit fortgeschrittener seniler Amnesie.

Das von Dr. Cameron verwendete Präparat ist ein Magnesiumchelat des seit langem bekannten Nerven-Anregungsmittels Pemolin (2-Imino-5-phenyl-4-oxazolidinon). Die Vermutung, daß diese Substanz möglicherweise die Gedächtnisleistung steigern könne, wurde am letzten Jahresende bekannt (s. ZEIT Nr. 53/1, 1965). Die beiden Biochemiker Alvin J. Glasky (Abbott Laboratories) und Lionel Simon (Illinois State University) stellten in Hirnzellen von Tieren, die Magnesium-pemolin erhalten hatten, eine verstärkte Produktion von Ribonukleinsäure (RNS) fest. Nun haben in den letzten Jahren zahlreiche Experimente ergeben, daß RNS-Moleküle offenbar eine entscheidende Rolle bei der Speicherung von Gedächtnisinhalten im Gehirn spielen. Mithin lag es nahe, zu ergründen, ob Magnesium-pemolin die Merkfähigkeit von Tieren beeinflußt.

Diese Prüfung nahm Dr. N. P. Plotnikoff im Forschungslabor der Pharmazie-Firma Abbott vor. Ratten, die darauf dressiert werden sollten, auf ein akustisches Signal hin aus ihrem Käfig herauszuspringen, lernten diese Lektion wesentlich schneller, wenn sie zuvor mit ihrem Futter Magnesium-pemolin gefressen hatten.

Da das Präparat bereits als Anregungsmittel von der US Heilmittelbehörde zugelassen war, erhielt der Hersteller sehr bald die Genehmigung, Magnesium-pemolin an Menschen, die unter Amnesie leiden, klinisch erproben zu lassen. Das geschieht gegenwärtig an der Universitätsklinik in Ann Arbor (Michigan) und in Dr. Camerons Abteilung für Geriatrie an einem Krankenhaus in Albany (New York).

Die hier angewandte Methode ist der "doppelte Blindversuch": Nur die Hälfte der jeweils für einen Patienten bestimmten, mit Kennziffern versehenen Kurpackungen enthält das Medikament, während die übrigen Packungen ein Placebo enthalten, wirkungslose Tabletten, die aber genauso aussehen wie Magnesium-pemolin-Pillen. Prüfarzt und Patienten wissen also nicht, welcher Kranke mit dem Medikament und wer mit dem Placebo behandelt wird; dieses Geheimnis wird erst gelüftet, wenn die Behandlungs-Protokolle abgeschlossen sind. Durch diese Methode wird der Einfluß des – sowohl beim Arzt als auch beim Patienten vorhandenen – Wunschdenkens auf das Versuchsergebnis ausgeschaltet.

Das Gedächtnis der Patienten wird in den beiden Kliniken nach einem Standard-Test geprüft, aus dessen Resultat sich ein Merkfähigkeits-Quotient (MQ) ergibt. Der gesunde Mensch hat einen MQ von etwa 100 Punkten.

Professor Cameron berichtet, daß durch die Behandlung mit 25 bis 50 Milligramm Magnesium-pemolin pro Tag zum Beispiel der MQ eines 57jährigen Kranken bereits nach neun Tagen von 74 auf 89 angestiegen war; und bei einem 59 Jahre alten Arzt, der wegen seiner Vergeßlichkeit schon über ein Jahr lang nicht mehr praktizieren durfte, nahm der MQ von 90 auf 101 Punkte zu. Wirkungslos blieb Magnesium-pemolin in dieser Versuchsreihe nur bei Personen, deren MQ unter 60 Punkten lag.