Von Horst Janssen

Die aufsehenerregendste Entdeckung der Kunstkritik im letzten Jahr war der Zeichner Horst Janssen. Eine große Ausstellung seiner Werke hatte ihre Premiere in der Kestner-Gesellschaft. Auf ihrer Rundreise durch Deutschland hat die Ausstellung inzwischen Düsseldorf erreicht, wo sie bis zum 11. September im Kunstverein der Rheinlande und Westfahlen zu sehen sein wird. Janssen entwirft nicht nur für jede Stadt ein neues Plakat (und macht diese der Stadt erwiesene Ehre durch manche Bosheit wieder wett), in Düsseldorf sagte er auch:

Da Sie über meine Kleidung, Trinkgewohnheiten und sonstigen Bedürfnisse und Vorlieben schon ausreichend durch Zeitungen unterrichtet worden sind, werde ich – wahnsinnig, ich gebe es zu – übers Zeichnen einige Mitteilungen versuchen. Wohlgemerkt über mein Zeichnen.

Dazu zunächst die treffende Erkenntnis von Wolf Schön – sozusagen als Motto –: Nix Neues! In der Tat: kein Weltbild, kein Programm. Ein Sack voll Talentproben, ausgewählt aus etwa tausend Zeichnungen und fünfhundert Graphiken. Vier Talentproben, die, wenn ich meiner Selbstkritik und den Käufern dieser. Sachen traue, entzücken und glauben machen, daß sie mit außerordentlichem Vergnügen hergestellt wurden.

Dieses Vergnügen, verehrtes Publikum, ist es, was ich Ihnen ans Herz legen will – es ist das, was mich befällt, wenn ich in Häusern, in denen ich geliebt werde, kleine nackte Mädchen zeichne, was mein Schönstes ist, wie es Pascins Schönstes war, als er der Kunst abgeschworen hatte. Und sollte in einem von zehn Fällen ein wenig Kunstambition des jeweiligen Kunden befriedigt werden müssen: nun gut, dann wird das kleine Mädchen eingebastelt in eine Ansammlung dunkler Herrschaften, deren Habitus meistens keinerlei Rückschlüsse auf ihre berufliche Tätigkeit ermöglicht. Das taucht die Angelegenheit ins Geheimnisvolle, und es entsteht jene Atmosphäre, die dem Kritikaster aller Zeiten so sehr entspricht.

Ich bitte Sie: Was könnte schon die Reihe dunkler Rücken bedeuten – wenn nicht, daß sie den Raum verstellen und in ihrer amorphen Textur die Bedrohung schlechthin sind. Das Hütchen obenauf ist selbstverständlich Metapher (wofür wohl?) und der weiße – weil erhoben – sichtbare Arm des erwähnten Lieblingssujets ist, dem Bilde folgend, der apokalyptische Fingerzeig für irgend etwas. Na klar, soweit Sie denken. Würden Sie mir glauben, so ist der Arm nur da, um sich zu zeigen, denn er ist mein Speziell-Schönstes. Es ist wie mit der Hand, die auf dem Bild "Die Überfahrt zum Schreckenstein" des Ludwig Richter im Wasser hängt: nämlich zur eigenen Kühlung und nicht um die Waagerechte der Bordwand zu unterbrechen.

Zurück zum Thema: Bin ich nun der kleinen, sich umeinanderrollenden, sich zwickenden und sich spreizenden Mädchen müde – was vorkommt –, so gibt es zweite, dritte, vierte und so weiter Vorlieben, wie etwa der verwelkte Ellenbogenbeutel meiner süßen Tante, ein schwarzer Lederhandschuh auf schwarzer Unterlage, Rosen, Zähne – in jederlei Gesicht. Ein gewetzter Tänzer. Leni mit der kranken Hüfte. Photos aus dem Modejournal. Eine bombastische Komposition von Herrn Füssli oder eine gute Komposition meines Kollegen Paul Wunderlich. Ein Witz von Ensor oder wieder ein Gesicht oder nur eine Frisur, in natura, oder vielleicht abzuzeichnen bei Schnorr von Carolsfeld; das eingedrückte Profil meines Schwiegervaters oder die Zunge von Hans-Werner, meinem Neufundländer. Sonntagsspaziergänger. Eine Bluse mit Füllung. Eine Simplizissimuszeichnung von Thöny oder ein Höpker-Photo. Die Fettfalte vor einer Achsel und noch mal Zähne. Ein Bilderbuch für Verena oder auch ein Neger für Gesche Poppes Schlafzimmer. Ein Plattenumschlag von den Supremes, das Auge einer Pute oder einer Frau, wo balla-balla. Ein Auge in Falten oder im Schatten der Haare oder das eigene Auge oder die eigenen Zähne oder das ganze eigene Gesicht – in gewöhnlicher Pose für Verena und manchmal sanft und schön für Verena, aufgekünstelt für Carl Vogel und routiniert für diesen oder jenen aus Gründen der großen Nachfrage. Tausend Mark zahlt der Fruchtimporteur Hegewisch für eins. Ein Grund, nach Fertigstellung desselben, eine minuziöse Kopie anzufertigen für die eigene Schublade. Altersversorgung für die reiche Frau.