Von Thomas von Randow

Rezept zur Herstellung eines Gedichtes: Man nehme eine Seite aus einer Zeitung – empfohlen wird der Literaturteil – und einen Würfel. Zunächst werden Substantive gesucht. Wir würfeln, und die Augenzahl gibt uns an, in welcher Spalte wir auf unserem Zeitungsblatt das erste Hauptwort zu suchen haben. Jetzt teilen wir die Spalte in sechs Blöcke von möglichst gleichviel Zeilen ein, und der nächste Wurf zeigt uns an, in welchem Block unser Wort steht. Der Block wird wieder in sechs gleiche Teile aufgegliedert, von denen einer ausgewürfelt wird, und der darauf folgende Wurf gibt uns bereits eine bestimmte Zeile an, der übernächste schließlich, das wievielte Substantiv in dieser Zeile zu wählen ist.

Zufallsauswahl nennt man dieses Verfahren, nach dem wir insgesamt achtundzwanzig Hauptwörter ermitteln. Nach der gleichen Methode suchen wir noch drei Adjektive, zwei Adverbien und ein Pronomen. Das ist unser Ausgangsmaterial.

Der Reihe nach schreiben wir die Substantiva im Nominativ mit den dazugehörigen Artikeln auf und verbinden diese Einheiten abwechselnd durch die Konjunktionen "und" und "oder". Jetzt kommt noch etwas dichterische Freiheit: Am Gedichtsanfang ersetzen wir den Artikel durch das ausgesuchte Pronomen. Am Schluß empfiehlt sich noch eine kleine Manipulation, so daß dort zwei Wörter stehen, die mit dem Anfang irgendeinen Zusammenhang haben, und was noch an Adjektiven und Adverbien übrig ist, wird dort, wo es zu passen scheint, zwischen Artikel und Substantiv eingeschoben. Interpunktion gibt es nicht. Das Gedicht ist fertig.

So entstand Max Benses Werk "Mein Standpunkt":

MEIN Standpunkt und der Kirschbaum oder die Wegfahrt und der Überblick

oder die Handhabe und das Fortbleiben oder Josef K. und der Vormärz