Von Hilke Schlaeger

All den Oberprimanern, die in diesem Herbst ihr Abitur machen und Medizin studieren wollen, ist mit Recht der Schreck in die Glieder gefahren. Ihre Chancen, zum kommenden Wintersemester einen Studienplatz zu erhalten, sind geringer denn je; den Universitäten dagegen droht in den kommenden Monaten ein Chaos, das größer ist als je.

Die Universität Kiel schickt ihren Bewerbern um einen Studienplatz Mitteilungen, in denen klipp und klar festgestellt wird: Die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Bewerbung liegt unter ein Prozent. Den erwarteten 600 Anfragen stehen nämlich fünf freie Arbeitsplätze gegenüber. 25 weitere Plätze sind bereits Kieler Studenten zugesprochen worden, die bisher Naturwissenschaft ten studiert haben und als Beste aus einer Zulassungsklausur für die Umschreibung in die medizinische Fakultät hervorgegangen sind.

Unterzeichnet ist die Schreckensbotschaft von Professor von Kügelgen, Ordinarius für Anatomie in Kiel und Vorsitzender des Westdeutschen Medizinischen Fakultätentages. Er rät dem trotz allem Studien willigen: "Überlegen Sie ernstlich, ob Sie überhaupt Medizin (oder Zahnmedizin) studieren sollten und können. Nicht Fleiß und Wille, sondern Begabung und Leistungsfähigkeit entscheiden."

Er hätte hinzufügen können: Im Augenblick braucht es vor allem Ausdauer und einen langen Atem. Die Durststrecke für den größten Teil der Herbstabiturienten wird voraussichtlich zwei bis drei Semester betragen, ein Fünftel etwa wird überhaupt nicht zugelassen werden können.

Die Verhältnisse, die schon seit mehreren Jahren an Deutschlands medizinischen Fakultäten dazu geführt haben, daß überall der numerus clausus für Vorkliniker besteht, sind seit langem Anlaß "zu ernsthafter Besorgnis". Jährlich wollen etwa 5000 Abiturienten mit dem Studium der Medizin beginnen; ihnen stehen rund 4000 freie Studienplätze zur Verfügung. (Bei einzelnen Praktika, wie den Präparierkursen in Anatomie, sind es noch erheblich weniger, weil die Übungsobjekte fehlen.)

Die Sache wäre ja nicht ganz so schlimm, wenn die Kapazität der Hochschulen genügte, um die notwendigen Ärzte auszubilden. Man müßte eben durch gutes Zureden die restlichen 1000 bewegen, etwas anderes zu studieren.