Von Joachim Glaubitz

Wer heute in China durch Buchhandlungen streift, dem bietet sich fast immer ein Bild wie bei uns an einem verkaufsfreien Sonntag vor Weihnachten. Nicht anders ist es in Japan. Das Interesse an Geschriebenem und Gedrucktem ist in Ostasien außerordentlich stark. Was aber in Japan selbstverständlich ist, nämlich daß jeder halbwegs Erwachsene lesen und schreiben kann, ist in China noch längst nicht selbstverständlich; und die Jahre des Großen Sprunges (1958 bis 1962) haben die Anstrengungen zur Beseitigung des Analphabetentums nahezu lahmgelegt. Die Menschen waren zu sehr beansprucht, zum Lernen blieb keine Zeit. Die letzten Jahre, scheinen eine Änderung gebracht zu haben, und die Zahl derjenigen, die sich mit unermüdlichem Fleiß die zum Lesen notwendigen drei- bis viertausend Schriftzeichen angeeignet haben, wächst ständig. Die wenigen Verlage sehen sich einem riesigen Leserpublikum gegenüber, dessen Wünsche befriedigt werden wollen. Was können sie ihm bieten – von Maos Werken abgesehen? Gibt es eine Unterhaltungsliteratur für die Masse?

Es gibt Lesehefte, vornehmlich für die chinesische Jugend bestimmt, in einfachem Umgangschinesisch abgefaßt, das schon von Schülern gelesen werden kann, denen die Lektüre einer Zeitung noch Schwierigkeiten bereitet. Der knappe Text ist durch Zeichnungen ergänzt, und Sprechblasen aus dem Munde der handelnden Personen machen die äußere Ähnlichkeit zu den Comic Books vollkommen: Lektüre für Halb-Analphabeten. Man sieht die Hefte in den Fernzügen in Lesemappen, findet sie in der Hand von Soldat teil, und sie stehen in den Regalen der kleinen Leihbuchläden. Der Preis für ein Heft, das gewohnlich siebzig bis hundertfünfzig Seiten stark ist, liegt zwischen zwanzig und vierzig Pfennig.

Die erste Auflage erreicht oft hunderttausend bis zweihunderttausend Exemplare. Stoffe, an deren Verbreitung der Partei besonders liegt, wie zum Beispiel die Geschichten der Musterhelden Lei Feng und Wang Chie, kommen über die Millionengrenze. Durch Leihbüchereien und durch den Austausch unter den Lesern dürfte ihre Verbreitung ein Vielfaches der Auflage erreichen. Wahrscheinlich sind die Lesehefte heute in der chinesischen Jugend die am weitesten verbreitete Lektüre. Die Stoffe sind meistens bekannte moderne Bühnenstücke, Filme oder Erzählungen, die auf Comic-book-Niveau umgeschrieben wurden.

"Kunst und Literatur", sagte Mao Tse-tung 1942 in Yennan, "sind der Politik untergeordnet, aber sie üben umgekehrt einen großen Einfluß auf die Politik aus." Chinas Jugendlektüre hat absolut dieser Auffassung zu gehorchen und einen politisch-didaktischen Zweck zu erfüllen: sie soll ihre Leser im Sinne der kommunistischen Moral erziehen. Diese Absicht wird mit der Darstellung von Begebenheiten aus dem heutigen chinesischen Alltag verbunden, und dadurch bekommen die Erzählungen für uns einen gewissen Aussagewert über die Verhältnisse in China; sie können das Bild, das uns die chinesische Presse vermittelt, ergänzen oder korrigieren.

Wir dürfen davon ausgehen, daß in einer Gesellschaft wie der des kommunistischen China alle in der Literatur dargestellten Probleme die Wirklichkeit widerspiegeln – wenn auch in verschleierter Form. Das heißt natürlich nicht, daß umgekehrt alle Probleme literarisch behandelt werden, denen sich die chinesischen Führer innenpolitisch gegenübersehen.

Maßlos idealisiert und in ein unglaubhaftes Heldentum verzerrt sind die Figuren, die der Jugend als Vorbild hingestellt werden. In ihnen manifestiert sich das Erziehungsziel der Partei. Aufschlußreicher aber sind für uns die unentschlossenen Charaktere und die negativen Figuren, die "Parasiten der Gesellschaft", denn sie lassen erkennen, wo die Indoktrinierungsanstrengungen der Führung auf Widerstand stoßen und sind so ein Gradmesser der politischen Bewußtseinsbildung in den Massen, besonders in der jungen Generation.