• "Frank Kupka – Brigitte Meier-Denninghoff (Hannover, Kestner-Gesellschaft): In der Literatur zur modernen Malerei wird der Tscheche Frank (Frantisek) Kupka neuerdings viel genannt, als ein lange vergessener Vorläufer und geheimer Wegbereiter. Er gilt als einer der Erfinder der abstrakten Kunst, die Prioritätsfrage ist nicht eindeutig zugunsten Kandinskys zu entscheiden. Die Frage, ob Kandinsky, Picabia, Delaunay, Hölzel, Kupka oder wer sonst "um 1910" zuerst dahin gelangte, ist auch nicht sonderlich wichtig, seitdem man den Ursprung des Abstrakten tief ins 19. Jahrhundert zurückverlegt hat. Kupka lebte von 1871 bis 1957; er ist 1895 nach Paris gekommen, über fünfzig Jahre bewohnte er am Stadtrand das gleiche Atelier, als Nachbar von Jacques Villon, ein Eremit, Außenseiter und Geisterseher, er hat philosophische, mystische und okkulte Werke studiert, in seinen ersten Pariser Jahren arbeitete er als Zeichner für anarchistische Blätter und als spiritistisches Medium. Seit den zwanziger Jahren jedoch ist er immer mehr in Vergessenheit geraten, bis auf eine kurze Periode, als 1946 die Tschechoslowakei ihrem Landsmann ein eigenes Museum errichten wollte. Erst nach seinem Tode wurde sein Werk auch in New York, London, in Italien und der Schweiz mehrfach präsentiert.

Die erste deutsche Einzelausstellung, in der Kestner-Gesellschaft bis zum 18. September, ist viel zu skizzenhaft und fragmentarisch, um danach Kupkas Rang bestimmen zu können – eine große Kupka-Retrospektive plant der Kölnische Kunstverein für das nächste Frühjahr, wenn er sein neues Haus eröffnet Man sieht in Hannover rund fünfzig kleine Formate, Gouachen, Pastelle, Zeichnungen. Kupka bezeichnet sie häufig als "Etudes", aber einen unbekannten Mann mit solchen Arbeiten aus der Werkstatt vorzustellen, ist wenig sinnvoll. Erste Skizzen im Jugendstil ("Frau mit Reifen") und die abstrakten "Etudes pour Localisation des Mobiles Graphiques" von 1910/11: Was liegt dazwischen? Welcher Geist oder welche Geister haben ihm die neue Wahrheit eingeflüstert, die Kupka selber als metaphysische Botschaft von der "Création" verstanden hat?

Gleichzeitig mit der Kupka-Schau, in separaten Räumen und ohne irgendeinen erkennbaren Zusammenhang, sieht man dreißig Skulpturen von Brigitte Meier-Denninghoff, der einstigen Schülerin und Assistentin von Moore und Pevsner, der ersten deutschen Bildhauerin, die nach dem Krieg auch im Ausland Erfolg hatte. Sie arbeitet sympathisch nüchtern, ist mehr an technischen Problemen interessiert als an metaphysischen Spekulationen. Vor etwa zehn Jahren hat sie sich für den Gebrauch von Messingstäben entschieden, die gebündelt und zusammengelötet, gegeneinander verkantet oder abgewinkelt werden, die Metallwände oder Säulen, Blöcke oder Garben bilden, keine freischwingenden linearen Stabkonstruktionen wie etwa bei Kricke. Die Arbeiten stammen aus den Jahren 1956 bis 1966, sie beweisen, was das einmal gewählte Herstellungsverfahren an plastischer Variabilität hergibt. Die neuen Zeichnungen sind phantasievoller, möglicherweise ergeben sich daraus neue Impulse für die Plastik. Die Ausstellung war vorher in Berlin, von Hannover geht sie weiter nach Karlsruhe, Essen und Lübeck.

Gottfried Sello