Accra, im August

Durch die geöffneten Lamellenfenster dringt der Verkehrslärm der Innenstadt von Accra in den spärlich besetzten Zuhörerraum des Magistrate’s Court. Zwischen den Verhandlungen gegen armselige Verkehrssünder, die wegen rücksichtslosen Fahrens oder Nichterneuerung des Führerscheines vor dem Einzelrichter P. V. Osei-Hwere stehen, huschen Anwälte – in der Hand die weiße Perücke – geschäftig hin und her, bringen Justizwachtmeister Aktenbündel, bricht dann und wann Gelächter auf.

Unter dem ghanaischen Wappen mit der Inschrift "Freiheit und Recht" und einem hölzernen Baldachin mit zwei Ventilatoren sitzt auf seinem erhöhten Pult der Richter, umgeben von Dossiers und juristischen Urteilssammlungen. Er verdankt es dem gelungenen Putsch gegen Kwame Nkrumah im Februar, daß er nun wieder Recht sprechen darf; denn der "Erlöser" hatte ihn, der das Gesetz nicht beugen wollte, kurzerhand aus dem Amt gejagt.

An diesem Morgen geht es nicht nur um verfallene Führerscheine oder defekte Bremsen. Es erhebt sich der beleibte Gerichtsdiener, der zugleich als Dolmetscher in den Landessprachen fungiert, und ruft den nächsten Fall auf: "Doctor Horst Schumann."

Auf der Treppe, die aus dem Untergeschoß in die Mitte des Gerichtssaales führt, erscheinen zuerst die leuchtend roten Uniformmützen zweier stämmiger Gefängnisbeamten und sodann der Mann, über dessen Schicksal in diesem Raum entschieden werden soll: Dr. med. Horst Schumann, vor mehr als 25 Jahren Mittäter bei den Euthanasie-Programmen des Dritten Reiches, dann ehrgeiziger Arzt in Auschwitz, nach dem Kriege ruheloser Flüchtling durch zwei Kontinente, zuletzt Distriktsarzt in Kete Krachi in der Volta-Region im Osten Ghanas, jetzt Häftling im Ussher Fort Prison in der Hauptstadt Accra.

Schumann ist ein mittelgroßer Mann, dem man die sechzig Jahre eines bewegten Lebens wohl ansieht: leicht vornübergebeugt, unter dem dichten grauweißen Haar und den buschigen Brauen unablässig mit den Augen zwinkernd, den schmallippigen Mund fest geschlossen. Er sagt kein Wort – wie schon beim ersten Termin vier Tage zuvor. Kaum merklich verbeugt er sich vor dem Gerichtsvorsitzenden. Dann steht er nur da und umfaßt mit beiden Händen die hölzerne Brüstung der Anklagebank. Es sprechen nur – halblaut – der Richter, der Erste Staatsanwalt und Schumanns Rechtsvertreter.

Hier geht es nicht darum, Schumanns Schuld an der Tötung von mehr als 30 000 Geisteskranken und KZ-Häftlingen bis in alle Tiefen auszuloten. Hier soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft nur die Entscheidung herbeigeführt werden, daß die Republik Ghana endlich dem zweimal erneuerten Auslieferungsbegehren der Bundesregierung nachkommt.