Sicheres Geleit durch dreitausend Kurse

Von Nina Grunenberg

Der letzte Trumpf der Frankfurter Allgemeinen in Sachen Haß und Liebe ist die Devisenbilanz." So schrieb Hans Magnus Enzensberger einmal. Seine Insinuation kränkte und wurde, weil nicht am "vernünftigen Maß" orientiert, zurückgewiesen. Vielleicht dürfte es dennoch gestattet sein, jedweder Hintergedanke ausgeschlossen, den Sinngehalt dieses Wortes in folgender Weise zu verkehren und zu erweitern: Die Devisenbilanz, als Synonym für den Finanz- und Börsenteil genommen, ist einer von mehreren großen Trümpfen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und keineswegs der letzte. Kurz und unvernünftig – ich bitte um Nachsicht: die Bemerkung stammt von einer schlichten Sparbuchbesitzerin – kann man auch sagen: Der Börsenteil der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) ist fabelhaft. Nach berufenem Urteil informiert er zuverlässig, umfassend, schnell, neutral. Innerhalb der Tagespresse ist er ungeschlagen. Zeuge dafür ist nicht zuletzt die Zeitung selbst, die also werbend für sich spricht: "Es gibt keinen Industriellen von Bedeutung und keinen Kaufmann von Format, der sich nicht täglich im Wirtschaftsteil mit den Kurstabellen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung orientiert."

In der Hauptausgabe der FAZ sind täglich neunhundert Kurse notiert. Aber das ist nur eine Auswahl: Im "Blick durch die Wirtschaft", einem seit 1958 erscheinenden Ergänzungsdienst (Auflage: 10 000 Exemplare, monatlicher Abonnementpreis: 19,50 Mark), umfaßt der Börsenzettel 3000 Kurse (mit Auslandskursen). Der Leser findet auch das kleinste, an einer deutschen Wertpapierbörse gehandelte Papier. Jeder deutsche Aktien- und Rentenkurs ist verzeichnet. "Der ganze Markt ist abgedeckt", sagt Heinz Brestel, der Börsenredakteur der Zeitung.

Seine Position ist freilich angemessener als "Leiter der Finanzabteilung" bezeichnet; denn daß die Kurse im Blatt stehen, ist nur selbstverständlicher Service. Die journalistische Arbeit beginnt bei ihrer Deutung, für die die Bewegungen auf dem Geld-, Gold- und Devisenmarkt mit berücksichtigt sein wollen. Erst so wird die Börse zur Stimme des Propheten, an den Brestel – wie jeder Börsenjournalist – glaubt, nicht nur beruflich, sondern auch aus ehrlicher Neigung.

Für den Laien sind Fachjournalisten von der Art Heinz Bresteis eine unaufhörliche Quelle der Erkenntnis: Ihr Denken ist strikt monetär geprägt, ihre Rede niemals doppelzüngig, sondern eher erfrischend brutal. Was sie an Hand der Börsonlage für die Politik voraussagen, klingt oft abenteuerlich, aber hinterher haben sie meistens recht gehabt. "Das war nur die Stimme des Marktes", pflegen sie dann zu sagen, mit dem ärgerlichen Unterton des Ich-habs-ja-gleich-gewußt. Heinz Brestel würde nie soweit gehen wie jener Börsenjournalist, der auf die Frage: "Was macht die Börse?" einfach antwortete: "Erhard muß weg." Aber zuletzt lassen auch die bewegenden Schilderungen des FAZ-Journalisten über die schlimme Börsenlage keinen anderen Schluß zu als: "Ein starker Mann muß her."

Zwanzig Milliarden – weg