Viele Sparer griffen ihre Konten an

Angesichts der immer schnelleren Preissteigerung seit eineinhalb Jahren müssen die Politiker auf die beliebte Methode verzichten, den Kaufkraftschwund der Mark durch den Hinweis auf höhere Inflationsraten in anderen Ländern zu verniedlichen. Sie konnten aber immer noch das Loblied des braven Sparers singen, der im vergangenen Jahr mehr als je zuvor auf die hohe Kante gelegt hat. Ist das nicht, so hieß es da oft, der beste Beweis dafür, wie stark die Masse der Bevölkerung der D-Mark und damit auch der Regierungspolitik vertraut?

Die Fachleute wußten allerdings, daß schon im Herbst des vergangenen Jahres der Strom der Spargelder schmäler zu werden begann. Dennoch brachte 1965 über das ganze Jahr gerechnet einen Rekord des privaten Sparens. Vom Kursverfall der festverzinslichen Wertpapiere und von der wachsenden Unsicherheit über die weitere Entwicklung des Kapitalmarktes profitierte vor allem das Kontensparen. Um 16,5 Milliarden Mark wuchsen die Guthaben auf den Sparkonten, fast 4 Milliarden Mark mehr als 1964. Aber inzwischen hat sich das Blatt gewendet.

Die Sparkassen, die den weitaus größten Teil aller Spargelder verwalten, melden für die Jahresmitte einen Bestand von fast 73 Milliarden Mark. Gegenüber der Jahresmitte 1965 ist das ein Zuwachs von reichlich 13 Prozent, ein Satz, der sich durchaus sehen lassen kann. Das Bild sieht jedoch anders aus, wenn man den Zuwachs im ersten Halbjahr dieses Jahres mit dem der entsprechenden Vorjahreszeit vergleicht. Damals nahmen die Guthaben der Sparer um 4,5 Milliarden Mark zu, 1966 aber nur noch um 3,5 Milliarden Mark. Die Zuwachsrate ist also um fast 23 Prozent zurückgegangen.

Es scheint jedoch so, als ob der Sparwille keineswegs erlahmt sei. Wenn auch die Sparer 2,25 Milliarden Mark mehr abgehoben haben als im Vorjahr, während die Einzahlungen nur um 1,25 Milliarden Mark stiegen, hat sich der Gesamtbestand der Spareinlagen bei Sparkassen, Raiffeisenkassen und Banken weiter erhöht.

Das Ergebnis ist jedenfalls, daß der Zuwachs der Spareinlagen, bezogen jeweils auf den Bestand zu Beginn des Jahres, im ersten Halbjahr 1966 nicht nur niedriger war als in dem Rekordjahr 1965, sondern auch erheblich unter der Zuwachsrate der vorhergehenden "normalen" Jahre 1964 und 1963 lag, wenn man das Jahr 1965 mit seinen hohen Zuwachsraten aus einer langfristigen Betrachtung als außergewöhnlich ausklammern will. Die Zahlen unserer Tabelle, die als repräsentativ angesehen werden können, da die drei Institutsgruppen rund 85 Prozent aller Spareinlagen verwalten, zeigen deutlich den relativen und im Vergleich zum ersten Halbjahr 1965 sogar absoluten Rückgang des Einzahlungsüberschusses.

Die sechs Banken, die Zweimonatsbilanzen veröffentlichen und dabei für Ende Juni 14,2 Milliarden Mark Spareinlagen ausweisen, schneiden demgegenüber wesentlich besser ab. Ihre Kundschaft, deren Verhalten gewiß nicht als typisch für die Masse der Sparer angesehen werden kann, hat die Sparguthaben im ersten Halbjahr 1965 um 1,19 Milliarden Mark erhöht, im ersten Halbjahr 1966 um 1,16 Milliarden Mark. Die Zuwachsquote hat sich hier von 11,1 auf 8,9 Prozent vermindert.