Millionen Urlauber zwingen die DDR-Regierung zu touristischen Neuerungen – Umworbene Ausländer Für Bundesrepublikaner wenig Aussicht

Von Peter Stähle

Gäste obiger Staaten besuchten diese Gaststätte so ist auf der Flaggen-Tafel am Eingang des "Waldhäus’l" in Bad Schandau an der Elbe zu lesen, im Südosten von Ulbrichts Reich. "Frieden und Freundschaft mit allen Völkern" steht darüber, und das Schwarz-Rot-Gold der "Deutschen Bundesrepublik", wie die Bundesrepublik Deutschland drüben genannt wird, findet sich zwischen den Staatsfarben Islands, Ägyptens und Griechenlands. Von einem 32 Meter langen Fließband, erbaut durch "sozialistische Hilfe" volkseigener und staatlicher Betriebe, reißen Ober und Kellnerinnen des populären Gasthauses die Speisen, die aus der unsichtbaren Küche angerollt kommen. Akkord ist Trumpf, sonst stauen sich am Ende des Bandes Schnitzel-Teller und Salatschüsseln.

Bad Schandau ist nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel von West-Besuchern, die sich in Dresden aufhalten, sondern auch Mittelpunkt eines der beiden großen "Urlaubszentren" der DDR. Nächst dem Bezirk Rostock mit der ganzen Ostseeküste können im Elbsandsteingebirge, in der Sächsischen Schweiz und im Zittauer Gebirge am meisten Urlauber untergebracht werden. In diesem Jahr werden auch in Mitteldeutschland, wo die Schulferien schon am 7. Juli begannen und bis zum 1. September dauern, alle Reise-Rekorde der Vorjahre geschlagen.

Jeder vierte der 17,1 Millionen DDR-Bürger fährt 1966 in die Ferien, rund zwei Drittel in den Bezirk Dresden, in den Harz und nach Thüringen, ein Drittel an die Ostsee. Die anderen Urlaubsziele, wie die märkischen Seen etwa, fallen so wenig ins Gewicht wie die Auslandsreisen in die Tschechoslowakei oder nach Bulgarien ans Schwarze Meer. Nach wie vor herrscht in Mitteldeutschland bei weitem der organisierte Urlaubsbetrieb vor, selbst bei Auslandsreisen. Während in anderen Ostblock-Staaten der "Individualtourismus" – das sind private Einzelreisen – die Gruppenreisen ins Ausland überflügelt hat, ist nach Ostberliner Mitteilung in der DDR gerade der Gleichstand erreicht: 1965 fuhren knapp 600 000 Personen mit dem Reisebüro und fast ebenso viele allein ins – östliche – Ausland. 1966 werden es etwas mehr sein. 575 000 Ausländer machten 1965 Ferien in der DDR.

Zeltplätze und Wohnwagen

Die Urlauberzahlen an der Ostsee erfahre ich in Rostock. 1965 kamen 1,3 Millionen Urlauber, in diesem Jahr wird die Zahl um 100 000 bis 200 000 steigen. In Strandkörben, Zelten und Wohnwagen verbringen die DDR-Urlauber ihre zweiwöchigen Seeferien, die fast überall die Regel sind, zwischen Usedom und der Wismarer Bucht. Weit über 310 000 Badegäste tummelten sich in den Sommermonaten und tummeln sich noch auf den 60 Zeltplätzen an der Ostsee. Kleine und große Zelte können gemietet oder mitgebracht werden, pro Tag und Kopf sind nur 30 Pfennig zu bezahlen. Ein großes Zeit kostet im Kaufhaus etwa 500 Mark. Bei den Wohnwagen handelt es sich um geräumige stationäre Fahrzeuge, die Bauarbeiter-Unterkünften ähnlich sind. Im Elbsandsteingebirge kann auf drei großen Zeltplätzen (für 1000 Personen) oder auf acht bis zehn kleineren (für 100 bis 200 Personen) Urlaub gemacht werden.