Claus Gatterer

Seit der ersten Attentatswelle in Südtirol im Sommer 1961 hat sich immer wieder gezeigt: Wenn Verhandlungen zwischen Österreich und Italien vor der Tür stehen, versuchen die Terroristen, eine Einigung zu blockieren. So kam es allein 1963 zu 30 Attentaten. Die jüngsten Gespräche zwischen Rom und Wien, besonders aber Gerüchte um neue Geheimverhandlungen, haben die Terroristen wiederum auf den Plan gerufen.

Wien, im August

Es ist in Südtirol seit den Attentaten von 1961 zur Regel geworden, daß der Terror jedes Jahr im Sommer seinen Höhepunkt erreicht. Vor kurzem fielen ihm zwei italienische Zollbeamte zum Opfer; Zeitbomben am Brenner und in Mauls, Detonationen im Tauferer Tal, Attentate und Attentatsversuche und die Demonstrationsbombe im Bozener Justizpalast sind die Begleiterscheinungen jener politischen Bemühungen, die – im Schutz der von Rom geforderten und von Wien akzeptierten "Geheimdiplotie" –, die seit Januar 1961 laufenden österreichisch-italienischen Verhandlungen über das Südtirolproblem zum Abschluß bringen soll.

Die Todesopfer des Terrors sind eine Hypothek für beide Seiten; sie belasten vor allem die Position Österreichs ebenso wie die Erklärungen, die der Ideologe des Terrors Norbert Burger und dessen Freund Peter Kienesberger (beide in Italien verurteilt) im Deutschen Fernsehen zum Thema "Freiheitskampf in Südtirol" abgegeben haben. Als ein Grazer Gericht im Oktober 1965 Burger und seinen Kreis (aus dem unterdessen eine "National-Demokratische Partei Österreichs" hervorgegangen ist) freisprach, obschon vor allem Burger sich stolz als Attentäter bezeichnet hatte, lobte die Presse der -österreichischen Volkspartei den unanfechtbaren Spruch des unabhängigen Gerichts – Burger und seine Freunde hatten bis dahin ja nur dem sozialistischen Koalitions-Außenminister Bruno Kreisky Schwierigkeiten bereitet. Heute freilich sähe auch die Volkspartei diese Gruppe lieber in sicherem Gewahrsam.

Dies ist indessen nicht der einzige Stilbruch im Verhalten der ÖVP, die nun, da sie allein die österreichische Regierung bildet, sich einer veränderten politischen Landschaft gegenübersieht. Die österreichische Südtirolpolitik ist unter Bundeskanzler Josef Klaus und Außenminister Lujo Toncic-Sorinj "monokolor" geworden; anders als unter Kreisky wurden weder Sachverständige noch Vertreter der Opposition zu den Gesprächen hinzugezogen. Auf der anderen Seite: In Bozen hat sich von der Südtiroler Volkspartei (SVP) eine sozialistische "Soziale Fortschrittspartei Südtirols" (SFPS) abgespalten. Sie ist frei vom Odium der Italien-Hörigkeit, sie fordert, daß die Provinz Südtirol aus der autonomen Region Trentino-Südtirol, in der die Italiener die Mehrheit haben, herausgelöst wird. Die Manövrierfreiheit der, SVP ist dadurch eingeengt worden.

Da die Regierungschefs und die Außenminister in Rom und Wien christlichdemokratische Parteifreunde sind und die christlichdemokratischen Exponenten in der SVP-Führung, ohne sie direkt unter Druck setzen zu müssen, beeinflussen können, erhält der letzte Lösungsversuch eine ungute parteipolitische Färbung.