Zwei Taktiker wohnen in Walter Ulbrichts Brust. Fast eine Stunde lamentierte er am 13. August über den "brutalen, heimtückischen Feind" in Bonn – um dann eben diesen westdeutschen Imperialisten "Verhandlungen zur Normalisierung der Beziehungen" zu offerieren. Gerade drohte er noch: "Eines Tages wird den Herren unsere Rechnung präsentiert werden" – dann forderte er die Bundesrepublik auf, "guten Willen", durch Gewährung eines langfristigen Kredits an die DDR zu beweisen – als "Wiedergutmachung".

Es erfordert ein bißchen zuviel des guten Willens, das Angebot des SED-Chefs in dieser Verpackung ernst zu nehmen. Er wird sich schon entscheiden müssen: Verschärfung des Kalten Bürgerkrieges oder "Normalisierung der Beziehungen". Wenn Ulbricht freilich eines Tages auf den Weg der kleinen Schritte zur Entspannung zurückfinden sollte, dann wird man dabei auch über die Möglichkeiten einer Ausweitung des innerdeutschen Handels reden müssen. Dann ist auch die Frage eines langfristigen Kredites an Ostberlin wieder aktuell. Denn eine wirtschaftliche Stärkung der DDR läge im Interesse der Menschen in Ostdeutschland und ist wohl auch eine Voraussetzung für die Beseitigung der Mauer. Solange das wirtschaftliche Gefälle zwischen den beiden deutschen Staaten so groß wie bisher bleibt, ist jedenfalls ein freier Reiseverkehr kaum denkbar.

Unter den gegebenen Umständen allerdings wirkte das, was ein diskutabler Vorschlag sein könnte, wie blanker Hohn. Ulbricht ist derzeit ein sehr unglaubwürdiger Gläubiger. K. H.