Von Karl Heinz Wocker

London, im August

Großbritanniens neuer Außenminister George Brown geht der Nation mit gutem Beispiel voran. Da englische Urlauber demnächst nur noch 50 Pfund (550 Mark) mitnehmen dürfen, wenn sie in Länder außerhalb des Sterling-Gebiets reisen, hat er auf die gewohnte Côte d’Azur verzichtet und macht Ferien in der Grafschaft Cork in Südirland. In einer Zeit, da wegen der Pfund-Krise alle Löhne, Gehälter, Preise, Dividenden, Hypotheken und Kredite in England "eingefroren" werden, sollen die britischen Urlauber wieder die Vorzüge jener Gegenden entdecken, in denen der Sterling rollt.

Brown hat die wenigen Tage zwischen der Ernennung und der Abreise vor allem dazu benutzt, das Gerücht zu dementieren, dieser neue Posten sei der Preis gewesen, den er für sein Verbleiben im Kabinett gefordert habe. Tatsächlich mußte er gehen, weil in dem anderthalbjährigen Ringen zwischen ihm und Callaghan, zwischen dem auf Expansion angelegten Wirtschaftsministerium und dem zur Deflation entschlossenen Finanzministerium die Entscheidung endgültig gefallen war: zugunsten Callaghans. Statt der Dynamik Browns wurde der britischen Wirtschaft die Bremse verordnet – ein altes und keineswegs sonderlich bewährtes Rezept. Brown als Zugpferd vor Callaghans Wagen – das war so wenig denkbar wie umgekehrt.

Aus dieser Situation galt es für Wilson das Beste zu machen. Ein Abwarten bis zum Oktober, also bis in die Zeit nach dem Labour-Parteitag und dem Zusammentritt des Parlaments hätte zwar die jüngsten Krisentage etwas in die Distanz rücken lassen. Davon abgesehen sprach jedoch alles für eine rasche Umbildung, wenn Brown in jedem Fall aus seinem Ressort ausscheiden wollte. Was die Opposition als den letzten schlechten Trick einer Bande von Taschenspielern bezeichnete, die besser daran täte, zu packen und zu gehen, barg durchaus seine Vorteile für die Regierung.

Eine britische Regierungspartei muß ja nicht nur die Opposition, sondern auch die Gegner in den eigenen Reihen fürchten. Das gilt vor allem für Labour, und der jährliche Parteitag im Oktober ist immer ein kritischer Augenblick. Wilson kennt seit Wochen die rebellischen Resolutionen mancher Ortsverbände- und Gewerkschaften. Inzwischen ist Frank Cousins zu einem Führer der innerparteilichen Opposition geworden, von dem man noch nicht recht weiß, wie gefährlich er sein wird, und sowohl das Thema Vietnam wie auch der Lohn- und Preisstopp werden in Brighton eher noch schärfer akzentuiert werden, als es die noch vor der Krise zu Papier gebrachten Entwürfe der Kritiker andeuten.

Nun aber wird über Vietnam plötzlich nicht mehr Michael Stewart sprechen, sondern George Brown. Ihn wiederum geht der Lohnstopp nichts mehr an, da müssen sich Cousins und seine Legionen an Michael Stewart wenden. Damit ist den Kritikern mancher Wind aus den Segeln genommen, aber werden dem taktisch geschickten Zug auch die gewünschten Resultate folgen? Ist Brown ein guter Mann für das Foreign Office? Man wird ihn an seinem großen Vorbild Ernest Bevin messen, und er wird das auch selbst tun. Er kann nur zäh und beredt für Englands Annäherung an Europa, für den Eintritt in die EWG kämpfen, wenn er seine bisherige Linie nicht verlassen will, und das hat er noch nie getan. Und er weiß, daß dies seine letzte Chance ist, in der Karriere voranzumarschieren. Als gescheiterter Außenminister würde er nie in Downing Street 10 einziehen.