Das Interesse des Publikums für Wertpapiere hat in den letzten Tagen merklich zugenommen. Das ergibt sich auch aus den Zuschriften, meine verehrten Leser, die Sie an mich richteten. Die in ihnen enthaltene Kernfrage lautet heute: "Was soll man jetzt kaufen?" Bisher hieß es überwiegend: "Soll man überhaupt kaufen oder ist es nicht besser, weiterhin abzuwarten?" Da ja bekanntlich an der Börse nicht geklingelt wird, wenn der Hausse-Zug abfährt, riet ich Ihnen vor einem Monat, an besonders schwachen Börsentagen erstklassige deutsche Aktien zu kaufen, ohne dabei das "Pulver restlos zu verschießen". Ich glaube, das ist auch heute noch richtig.

Da gegenwärtig auf den Aktienmärkten an einigermaßen ruhigen Börsentagen Papiere von fast allen Unternehmen zu akzeptablen Kursen ausreichend erhältlich sind, läßt sich bei der Auswahl der Papiere ein strenger Maßstab ohne weiteres durchsetzen. Die kurze Zwischenerholung in der vergangenen Woche hat zwar gezeigt, daß sich bei einer Aufwärtsbewegung das gesamte Kursniveau auf dem Aktienmarkt hebt, daß aber in den Branchen, die zur Zeit nur mit Mühe ihre Rentabilität aufrechterhalten können oder sie sogar schon eingebüßt haben, sehr bald kräftige Reaktionen nach unten eintreten.

Zu den Unternehmen, die am ehesten wieder zu besseren Erträgen kommen werden, gehören die Unternehmen der Großchemie. Bei der BASF wird sogar für 1966 eine leichte Gewinnsteigerung für möglich gehalten. Für die Dividende von zuletzt 20 Prozent besteht keine Gefahr. Die Rendite von 5,2 Prozent ist relativ günstig. Aktien, bei denen sie unter 5 Prozent liegt, sind – wenn nicht besondere Gründe vorliegen – vorläufig bei den Anlageerwägungen auszuscheiden.

Auch bei Hoechst ist ein Gewinnwachstum möglich, natürlich längst nicht im gleichen Tempo wie beim Umsatz. Bei einem Kurs von 398 Prozent und einer "sicheren" Dividende von 20 Prozent macht die Rendite etwas mehr als 5 Prozent aus.

Bei Bayer sind die Gewinnprognosen weniger eindeutig. Aber auch hier sind mit Sicherheit nicht weniger als 13 Prozent für 1966 zu erwarten, so daß bei einem Kurs von 288 Prozent die Rendite bei etwa 4,9 Prozent liegt. Von dieser Seite her betrachtet, ist die Bayer-Aktie von den drei IG-Farben-Nachfolgern am wenigsten attraktiv. Wenn sich dennoch einige Anleger für sie entscheiden, dann liegt dem die Meinung zugrunde, daß sich Bayer in einer Art Konsolidierungsphase – auch was die Erträge angeht – befindet, aber bald wieder einen großen Sprung nach vorn machen wird, wenn nämlich die gegenwärtigen Investitionen (dazu gehört auch der Erwerb der Schachtel an den Chemischen Werken Hüls) Früchte zu tragen beginnen.

Auch bei Siemens kann man von einer Zwischenphase sprechen. Die Gesellschaft unternimmt erhebliche Anstrengungen, besonders auf dem Computer-Sektor, um Anschluß an die ausländische, vor allem die amerikanische Konkurrenz zu finden. Das kostet Geld und verringert die Gewinne. Für die Zukunft stellen diese Investitionen aber eine wertvolle Sicherung, auch für die Aktionäre, dar. Wenn Siemens zur Zeit eine "sichere" Rendite von "nur" 4,3 Prozent zu bieten hat, so wird zu berücksichtigen sein, daß berechtigte Aussichten auf steigende Erträge bestehen. Allerdings nicht für das laufende Jahr, sondern erst später. Und ob Siemens das dann in der Dividende zum Ausdruck bringen wird, steht noch dahin. Bei Siemens kauft der Aktionär in erster Linie Sicherheit und Solidität – und keine Spitzendividenden. Wer bereits Siemens-Aktionär ist, sollte – wenn finanziell möglich – die ihm im nächsten Monat angebotenen jungen Aktien beziehen. Vielleicht werden die Siemens-Aktien während des Bezugsrechthandels aus "technischen Gründen" noch einmal besonders billig.

Nicht ganz das geforderte. Rendite-Limit von mindestens 5 Prozent erreichen die drei Großbanken: Commerzbank (Rendite 4,5 Prozent), Deutsche Bank (4,4 Prozent) und Dresdner Bank (4,7 Prozent). Soweit sich jetzt erkennen läßt, werden alle drei Institute für 1966 bei ihren Standardsätzen von 16 Prozent bleiben, so daß die Rendite auf alle Fälle gesichert ist. Im Augenblick ist von der Rendite her der Dresdner Bank der Vorzug zu geben, weil ihre Aktie auf Grund der Verkäufe aus US-Besitz überdurchschnittlich gedrückt ist. Bei Bankaktien sollten stets nur limitierte Kauf- oder Verkaufsaufträge erteilt werden. Aus Gründen der Optik lassen die Banken – selbst dort, wo ihre Papiere offiziell variabel gehandelt werden – nur einen Kurs börsentäglich zu. An schwachen oder festen Tagen haben sie keine Scheu, den Kurs ihrer Aktien kräftig nach unten oder oben zu verändern.