H. W., Kiel

Was sich in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt in der vergangenen Woche zu einem handfesten Skandal zu entwickeln drohte, wurde durch das energische Eingreifen des Landessozialministeriums beigelegt: Die Kieler Werkswohnungen GmbH nahm die Kündigung von rund 1000 Mietern wieder zurück. Demonstrationsmärsche und Warnstreiks wurden daraufhin abgeblasen. In den Wohnungen der Betroffenen ist vorläufig wieder Ruhe eingekehrt. Freilich, bis jetzt ist die Rücknahme der Kündigungen nur durch Erklärungen in den Kieler Zeitungen erfogt. Eine der Einwohnerinnen der Ostufer-Wohnungen meinte resignierend: "Erleichtert sind wir keineswegs. Wir sitzen nur hier und halten die Luft an für das, was uns noch bevorsteht. Der Druck ist nicht von uns gewichen!"

Der CDU-Landtagsabgeordnete Klaus Köberle schüttete Öl auf die Wogen der Erregung. Er erklärte: "Was die Werkswohnungen GmbH getan hat, ist ungesetzlich. Es wird sich nicht wiederholen!" Und Kiels Magistrat forderte die Leitung der Wohnungsbaugesellschaft auf, jedem einzelnen der gekündigten Mieter gegenüber verbindlich zu erklären, daß der alte Rechtszustand wiederhergestellt sei.

Die Wohnungen gehören den bundeseigenen Kieler Howaldts-Werken. Die Werft, um Arbeitskräfte für ihr großes Schiffsbauprogramm verlegen, hatte Arbeiter geworben und ihnen auch eine Unterkunft versprochen. Wohnungen aber sind in Kiel, das erst zum 1. Juli weißer Kreis geworden ist, rar. So kündigte die Wohnungsbaugesellschaft jenen Mietern, die nicht mehr bei Howaldt beschäftigt sind.

Howaldts Generaldirektor, Konsul Westphal, begründete diese Kündigungs-Blitzaktion in einem Schreiben an Stadtpräsident Köster damit, daß die Gesellschaft viel zur Beseitigung der Wohnungsnot beigetragen habe. "Zielrichtung unserer Wohnungsbaupolitik lag und liegt nur darin, für die bei uns Beschäftigten möglichst preisgünstigen Wohnraum zu schaffen. Wollen Sie solche Mieter weiter schützen, die auf Grund ihrer Beschäftigung bei uns eine Wohnung erhalten haben, nach Ablauf der fünfjährigen Sperrfrist aber sofort ihr Arbeitsverhältnis bei uns kündigten? Wir waren und sind uns bewußt, daß diese Maßnahme unpopulär sein würde, nur der Verlust von einigen tausend Arbeitskräften durch Abwerbung und die Tatsache, daß eine Aufstoksung unserer Belegschaft zur Kardinalfrage der wirtschaftlichen Existenz des Unternehmens geworden sind, zwingen uns, diese Maßnahme zu ergreifen." Der Direktor des Wohnungsbauunternehmens, Diessner, der seinen Urlaub abbrach und nach Kiel zurückkehrte, erklärte: "Wir bringen keinen um!" Sicherlich werde die eine oder andere Kündigung zurückgenommen. Und sicher werde alles ruhiger vor sich gehen, als es zunächst ausgesehen habe.

Die 1000 hektographierten Kündigungen aber schufen Unruhe. In den Wohnungsämtern stauten sich die Menschen; Empörung wurde laut und Ärger. "Ich gebe ja zu", meinte ein älterer Mann, "daß die Howaldts-Werke Wohnungen brauchen. Aber muß man uns dann gleich so auf die Straße setzen. Und gleich in dieser Anzahl." Ein anderer fügte sarkastisch hinzu: "Ich schicke meine Großmutter als Raumpflegerin zur Werft, dann wissen wir wenigstens, daß wir bleiben können."

Die Kieler Betriebsratsvorsitzenden hielten eine Versammlung ab. In einer Resolution wurde dagegen protestiert, daß gerade die Howaldts-Werke als Betrieb im Bundesbesitz die Möglichkeiten des Lücke-Planes radikal ausnutzten. Als die Spannung wuchs, griff Sozialminister, Frau Dr. Ohnesorge, ein. Sie legte der Gesellschaft nahe, die Kündigungen sofort zurückzuziehen. Das geschah; gleichzeitig wurde bekanntgegeben, daß Verhandlungen geführt werden sollten. Im Sozialministerium hieß es: Die Kündigungen seien nicht vertretbar. Es wird geprüft, ob sie gegen das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz verstoßen.

Noch einen Monat vorher, mit Schreiben vom S. Juli, hatten die Mieter einen Brief ihrer Gesellschaft erhalten, daß sie ab 1. August höhere Mieten zu zahlen hätten. Von einer Kündigung war damals noch nicht die Rede.