Von Haug von Kuenheim

Berlin, im August

Auf einem weißlackierten Gartenstuhl saß ein alter Mann. Er hatte die Hände in dem Schoß gefaltet und blickte unbewegt nach drüben. Vor ihm – er hätte seine Füße darauflegen können – ein Mäuerchen aus hellen Ziegeln, darin Kästen mit roten Geranien. Sie waren gerade frisch begossen, auf den Blättern glänzte das Naß in der Sonne. Vor dem kleinen Mauerwerk, das die Linie markiert, bis zu der der DDR-Bürger sich der Grenze seines Landes nähern darf, breiteten sich rechts und links Rasenflächen aus, Blumenrabatten, dann zwei breite Fahrwege und am Ende dieser Idylle das Brandenburger Tor und schließlich die große graue Mauer.

Sie war vielleicht hundertfünfzig Meter von dem alten Mann entfernt. Es war leicht, über sie hinwegzublicken, auf die Siegessäule und die grünen Bäume des Tiergartens. Auch andere Spaziergänger, drei junge Burschen mit Kofferradio, ein Elternpaar mit Kindern, zwei kichernde Freundinnen, hatten sich neben dem alten Mann Stühle zurechtgerückt. Sie schwatzten, photographierten und lachten.

Datum: Samstagmorgen, 13. August 1966, Ort: Unter den Linden, Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor. Es herrschte friedliche Schrebergartenatmosphäre. Im Hintergrund die Mauer – nun fünf Jahre alt – wirkte wie eine harmlose historische Sehenswürdigkeit.

Tausend Meter weiter feierte Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR, auf einer Tribüne vor der Staatsoper seine Berliner Mauer. Vor ihm, in gleißender Sonne – das Thermometer zeigte 32 Grad im Schatten – standen in Blöcken die Hundertschaften der SED-Betriebskampfgruppen, ferner das Wachregiment Berlin und einige Formationen Volkspolizei.

Es ist ein "Tag des Sieges" für Walter Ulbricht. In seinen Augen hat das Mauerwerk sich rentiert. Er spricht von den wirtschaftlichen Erfolgen, die seit fünf Jahren sich in den Produktionszahlen und noch sichtbarer in den Schaufenstern der Geschäfte niederschlagen. Er rechtfertigt Stacheldraht, Mauer und Todesstreifen, Minensperren und die auf den Mann dressierten Hunde als einen "Friedenswall". 1961 im August habe der Frieden am seidenen Faden gehangen, erklärt der SED-Chef seinen Soldaten und Betriebskämpfern. Die Bundesrepublik sei damals im Begriff gewesen, die DDR im militärischen Handstreich zu nehmen. Aber: "Wer nicht hören will, muß fühlen." Die Weisheit des alten deutschen Sprichwortes hat sich nach Meinung Walter Ulbrichts wieder einmal bewährt. Der Westen hat eine "Klassenschlacht" verloren. Indem er die Grenzsicherungen vor fünf Jahren hinnahm, habe er schließlich auch die Rechtmäßigkeit der bestehenden Grenzen anerkannt.