Von Peter Urban

Mihajl Mihajlovs Vorstoß zu einer legalen Opposition in Jugoslawien ist gescheitert. Die nach Zadar einberufene Gründungsversammlung fand nicht statt. Ob die zuständigen Behörden die Lizenz zu der geplanten Zeitschrift Die freie Stimme (Slobodni glas) erteilen werden, ist ungewiß; denkbar ist, daß diese Freie Stimme selbst mit offizieller Lizenz nicht erschallen wird, weil zu einer Zeitschrift mehr gehört als nur ein fertiges Redaktionsprogramm. So kann etwa die Papierzuteilung ganz legal, auf höchst unauffällige Art gesperrt werden; außerdem ist es fraglich, ob sich eine Druckerei findet für ein Unternehmen, das taktisch derart unklug vorbereitet worden war.

Der Zeitschriftenplan stand insofern von Anfang an unter einem Unstern, weil er von Mihajlov stammt. Mihajlov ist keine Autorität, er hat wenig Rückhalt bei den jugoslawischen Intellektuellen, er hat darüber hinaus eine politische Vergangenheit, die für das große Publikum jugoslawischer Zeitungsleser nicht unbedingt einwandfrei ist. Die Bewährungsfrist im Zusammenhang mit der Bestrafung für "Verbreitung verbotenen Materials" ("Moskauer Sommer 1964") war noch nicht abgelaufen.

Noch im Februar dieses Jahres hatte Mihajlov im Neuen Forum, den "österreichischen Blättern für kulturelle Freiheit", erklärt: "Wir Intellektuellen in den sozialistischen Ländern (fühlen) uns wie Verräter, wenn wir die Wahrheit sagen – Verräter an unseren eigenen Ländern und an all denen, die in der kapitalistischen Welt für die Freiheit kämpfen. (...) Der Kern des Problems ist ein grausames Paradoxon. Jene, die uns am Aussprechen der Wahrheit in der sozialistischen Welt hindern, leisten damit der Unterdrückung der Freiheit in der kapitalistischen Weit Vorschub. Ob sie wollen oder nicht, sie stärken ganz konkret die reaktionären Kräfte aller Art im anderen Lager. Desgleichen wird der kommunistische Totalitarismus von jenen gestärkt, die im Westen kommunistische Parteien verbieten, Zensur ausüben und den McCarthyismus fördern." Titel dieses Aufsatzes: "Warum ich schweigen muß".

Im Mai brach Mihajlov dieses sein Schweigen und ergriff öffentlich – außer Landes – Partei gegen die "neue Klasse" der Parteifunktionäre, für Milovan Djilas. Anfang August ging er mit einigen Kollegen aus Zagreb an die Verwirklichung seines Planes, eine Oppositionspartei aufzubauen, die – "sozialistisch" und "demokratisch", nicht sozialdemokratisch – für ein Maximum an Meinungsfreiheit agieren sollte.

Temperament und Zivilcourage wird man Mihajlov jedenfalls zu bescheinigen haben. Aber ebenso eine gehörige Dosis von Starrsinn und ein nur bedingt pragmatisches Denken.

Zu fragen ist, um welchen Preis Mihajlov aktiv wurde. Welche Chancen hatte er sich selbst ausgerechnet? Welche hatte er wirklich? Und was will er? Welche Wahrheit will er verkünden?