Von Joachim Schwelien

Washington, im August

Durch die Straßen eines "weißen" Vorortes von Chikago wälzte sich am Sonntag eine erregte Menschenmenge –überwiegend jugendliche, weiße Demonstranten. Einige dieser Halbwüchsigen hatten sich den linken Arm mit Hakenkreuzbinden verziert, andere trugen Plakate mit der Aufschrift: "Löst das Negerproblem durch Ausrotten." Wie eine Sturzflut strömte die Menge einer recht friedfertigen Demonstration von farbigen und weißen Bürgerrechtlern entgegen, die in Chikago auf Geheiß von Dr. Martin Luther King seit Wochen einen Werbefeldzug für die Integration der Wohnviertel führen – für das Recht der schwarzen Amerikaner, sich auch in den exklusiv weißen Vororten ein Haus zu kaufen oder eine Wohnung zu mieten.

Die aufgebrachten weißen Rassisten wurden angefeuert von Agitatoren der nur wenige hundert Mitglieder zählenden amerikanischen Nazi-Partei des Schwadroneurs Lincoln Rockwell. Sie waren mit Steinen, Flaschen, frischen Eiern und Feuerwerkskörpern versehen. Als sie auf die Bürgerrechtler stießen, schleuderten sie ihnen einen Hagel dieser Wurfgeschosse entgegen. Es kam zum Handgemenge, die Polizei schritt energisch gegen die Unruhestifter ein, schlug mit den Holzknüppeln drein und feuerte Warnschüsse in die Luft.

Die Bilanz von Demonstration und Gegendemonstration: Einige Dutzend Verletzte und Festgenommene. Schlimmer jedoch: vertiefter, sich immer fester fressender Haß auf beiden Seiten der Kampfesfront um die Gleichberechtigung der amerikanischen Neger.

Bei diesem Tumult ging es noch verhältnismäßig glimpflich ab, wie überhaupt all die Rassenkrawalle dieses Sommers, gemessen an den materiellen Schäden, den Opfern an Menschenleben und der Zahl der Festnahmen und Gerichtsverfahren, wesentlich harmloser und geringfügiger sind als der schwere Aufruhr in Watts, dem Negerviertel von Los Angeles, oder in Harlem, dem schwarzen Getto von New York, in den vergangenen beiden Jahren. Damals blieben Dutzende von Menschen, Beteiligte wie harmlose Passanten, auf der Strecke, ganze Straßenzüge gingen in Flammen auf, Geschäfte wurden geplündert, und die Polizei konnte der Zusammenstöße nicht mehr Herr werden. Aber die Ausschreitungen in diesem Sommer tragen neue und beunruhigende Merkmale.

Sie wiederholen sich von Tag zu Tag; sie greifen auf immer mehr Städte im traditionell liberalen und als relativ negerfreundlich geltenden Norden über; auf beiden Seiten rufen die Zwischenfälle organisierte Aktionen und Gegenaktionen hervor; unter den Segregationisten wie unter den Bürgerrechtlern gewinnen die jugendlichen Radikalen die Überhand. Was als Streit um die Grundrechte der Neger begann, geht über in einen latenten Bürgerrechtskrieg.