Beinahe hatte er zu den Befreiten des 14. Juli gehört. Und sicher hätte das jenem längst zur Legende überhöhten "Sturm auf die Bastille" bis heute ein wenig mehr Glanz gegeben. Nicht weil dann die Zahl der befreiten "Schlachtopfer des Despotismus" auf acht gekommen wäre, sondern weil man neben den vier Wechselfälschern, einem Schwerverbrecher und zwei Geisteskranken wenigstens eine berühmte Persönlichkeit hätte vorweisen können.

Doch es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß man schon im Jahre 1789 an so etwas hätte denken können; denn damals galt er noch nicht als berühmt, sondern allenfalls als berüchtigt, ja eigentlich sogar als ein Sittlichkeitsverbrecher. Zum Zeitpunkt, als die Bastille eingenommen wurde, hielt man ihn übrigens für geisteskrank. Jedenfalls war er wenige Tage vor jenem denkwürdigen Datum aus der Bastille, wo er bereits längere Zeit gesessen und gearbeitet hatte, nach Charenton überführt worden, einem Asyl für Geisteskranke, das von barmherzigen Brüdern betreut wurde.

Aus irgendeinem Anlaß – vielleicht auch weil er nervlich überreizt gewesen sein mag – hatte er einen Bastille-Posten tätlich angegriffen. Und ein paar Tage später hatte er durch ein Megaphon heftige Schimpfkanonaden auf den Bastille-Gouverneur de Launay losgelassen, den man – leider zu spät, als er längst das Opfer eines Schlachterbeils geworden war – das "gutmütigste Geschöpf von ganz Frankreich" genannt hat.

Unser Held war zu der Zeit 49 Jahre alt, und weitere 25 Jahre hatte das Schicksal ihm noch zugedacht. Das war nicht wenig, insbesondere nicht für einen Mann, über den zweimal ein Todesurteil verhängt worden ist (was ihn nicht hinderte, schließlich doch eines natürlichen Todes zu sterben).

27 von den gut 74 Jahren seines Lebens hat er in Gefängnissen und in dem einigermaßen erträglichen Hospital von Charenton (wo er auch gestorben ist) zugebracht. Seine erste Bekanntschaft mit dem Gefängnis machte er als Dreiundzwanzigjähriger. Obwohl aus einer alten vornehmen Familie stammend und obwohl gut erzogen – von Jesuiten übrigens –, hielt er sich als junger Mensch allzugern in Bordellen auf. Und als er dort einmal seine besondere Art von Liebe exemplifizieren wollte, brachte ihn das mit dem Gesetz in Konflikt.

Doch war das erst ein ziemlich harmloses Vorspiel. Wirklich ernst wurde die Situation für ihn zehn Jahre später. Da hatte er einigen Freudenmädchen ein aphrodisisches Mittel gegeben – sicher in der Absicht, die Mädchen freudiger zu machen; aber die Folge waren Vergiftungserscheinungen. Er wurde des Giftmordes angeklagt und zum Tode verurteilt, allerdings in Abwesenheit; er hatte sich rechtzeitig nach Italien verzogen.

Doch auch da war er nicht, sicher. In Piemontwurde er verhaftet und nach Frankreich ausgeliefert. Glücklicherweise wurde das Todesurteil kassiert, aber nun begann seine "Laufbahn" durch die Gefängnisse, die seine Phantasie ins Ungeheuerliche schweifen und ihn ein Werk schaffen ließ, das sich heute nicht nur stets wachsender Beliebtheit, sondern zugleich einer immer größer werdenden literarischen Anerkennung erfreut.