Nur gute Menschen können es sich leisten, religiös zu sein. Für die anderen ist es eine zu große Versuchung – Versuchung zu den Todsünden des Stolzes und des Zornes, hauptsächlich aber auch zur Trägheit.

Mary McCarthy

Majestätische Obszönitäten

Empörung geht oft seltsame Wege: Seit Mai gibt es im Londoner "Victoria und Albert Museum" eine Ausstellung mit rund 600 Zeichnungen des englischen fin de siècle-Genies Aubrey Beardsley zu sehen, und manches Stück ist darunter, das sich für den Wechselrahmen über dem Familiensofa nicht eignet. Nicht in jenen Museumsräumen, sondern in einem Geschäft in der Regent Street, das Beardsley-Reproduktionen als Postkarten verkauft, nahm jetzt der zu diesem Spiel meist dazugehörende "Unbekannte" Anstoß und veranlaßte die Beschlagnahme eines ganzen Stapels von Reproduktionen. Die Originale kann man weiterhin im "Viktoria und Albert Museum" besichtigen. Bis heute weiß allerdings auch niemand, welche der Beardsley-Zeichnungen es waren, durch die der Unbekannte sein Schamgefühl verletzt sah. Sachverständige tippen auf die Illustrationen zur "Lysistrata" – aber auch die kann man nicht nur weiterhin im Museumsglaskasten betrachten, sondern getrost nach Hause tragen in dem Bändchen "Aubrey Beardsley" von Brian Reade, das dort für rund fünf Mark verkauft wird und in einem prominenten Druckhaus hergestellt ist: Her Majesty’s Stationery Office.

Dunkelziffer

Am 9. November 1965 gingen in New. York abends die Lichter aus. Ein totaler Stromausfall, der in einigen Stadtteilen bis zum nächsten Morgen dauerte, legte die Riesenstadt lahm. Heute, neun Monate danach, haben die Entbindingsabteilungen der New Yorker Krankenhäuser mit den Folgen zu tun: Sie melden einen Anstieg der Geburten um 33 bis 50 Prozent. Normal blieb die Geburtenhäufigkeit nur in den New Yorker Vorstädten und New Jersey: Der Stromausfall überraschte die Pendler auf dem Weg nach Hause und hielt sie in der City fest. Laut New York Times äußerten sich Soziologen und Gynäkologen zurückhaltend zu dieser Überraschung, leugneten zwar nicht die möglichen Zusammenhänge, wiesen aber darauf hin, daß im August ohnehin ein Ansteigen der Geburtenhäufigkeit die Regel sei. Sicher scheint allerdings, daß die Familienplaner künftig auch mit den städtischen Stromwerken rechnen müssen, daß das Fernsehen doch seinen Beitrag zur Geburtenregelung leistet und daß in der Finsternis manche Leute manches machen oder lassen.