Kein Volk treibt wohl mehr Selbsterforschung, kein Volk horcht beunruhigter nach draußen als die Deutschen in der Bundesrepublik, die immer wieder Antwort auf die Frage suchen: "Wie sehen uns die andern?" Sie möchten nicht immer auffallen.

In diesen Wochen, in denen die kraftvolle Reisewelle in Europa wieder etwas höher stieg als im vorigen Jahr, haben zum erstenmal mehr als die Hälfte der deutschen Urlauber ihre Ferien im Ausland verbracht; denn die Mahnung des Kanzlers, maßzuhalten und nicht so viele Devisen auszugeben, war ja nicht ernst gemeint. In dem in diesem Sommer neu aufgelegten Merkzettel über die deutschen Zollbestimmungen stand sogar wieder der Satz: "Es ist zu begrüßen, wenn möglichst viele Deutsche andere Völker und Länder kennenlernen. Glücklicherweise können immer mehr Mitbürger einen Besuch in fremden Ländern ermöglichen. Auslandsreisen fördern das gegenseitige Verstehen und damit den Frieden der Welt."

Wie schwer es jedoch mit der Völkerverständigung ist, zeigen nicht nur Fußballweltmeisterschaften. Die deutschen Tanzlehrer, die mit ihrem Fachausschuß für Umgangsformen Gralshüter des guten Benehmens der Deutschen sein wollen, haben offensichtlich Zweifel gehabt und Auftreten und Eindruck der deutschen Touristen im Ausland untersucht. Deutsche Zeitungen, stets eifrig in der Selbsterforschung, haben diese Ergebnisse ausführlich nachgedruckt, die nicht sonderlich erfreulich sind. Die Fragen wurden in acht europäischen Ländern gestellt. Die Antworten lauten: Die Deutschen, die in Gruppen reisen,

* lassen oft die Kleidervorschriften außer acht;

sind zu aufdringlich, protzig oder zu gönnerhaft;

* betrachten die Frauen des Gastlandes als Freiwild;

* haben häufig kein Glück in der Wahl der Gesprächsthemen.