FÜR alle Liebhaber der französischen Aufklärung, besonders für die, die am dialektisch ironischen Geist Diderots ihre Freude haben –

Denis Diderot: "Nachtrag zu ‚Bougainvilles Reise‘ oder Gespräch zwischen A. und B. über die Unsitte, moralische Ideen an gewisse physische Handlungen zu knüpfen, zu denen sie nicht passen"; Sammlung insel, Insel-Verlag, Frankfurt; 82 S., 5,– DM.

ES ENTHÄLT die aus einem kurzen Artikel Diderots über Louis Antoine Bougainvilles "Voyage autour du monde" entstandenen Gespräche zwischen A. und B., zwischen dem Schiffskaplan und dem Tahitianer Oru und die Abschiedsrede eines tahitischen Greises, außerdem ein zum Verständnis dieses literarischen Vexierbildes unentbehrliches Nachwort des Diderot-Forschers und Professors für romanische Philologie an der Harvard-Universität Herbert Dieckmann.

ES GEFÄLLT, weil es auf so kleinem Raum und in so unterhaltsamer und vor allem eleganter Form die Fähigkeit dieses Aufklärers zeigt, Vorurteile, Verlogenheit und Widersprüche der von christlicher Moralität geprägten modernen Gesellschaft ans Licht zu bringen. Diderot versucht weniger, in der Unkompliziertheit und dem unverhohlenen Utilitarismus primitiver tahitianischer Liebesbräuche seinen Zeitgenossen die Glückseligkeit des Naturzustandes schmackhaft zu machen; vielmehr erklärt er sein Unbehagen an der Unaufrichtigkeit der falschen Moral europäischer Zivilisation. In äußerst geistreicher Weise führt er den Leser zu der Erkenntnis, daß zwar nicht ein Zurück zur Natur, aber ein Zurück zu größerer Ehrlichkeit gegenüber den eigenen Lebensformen ihn auch glücklicher machen würde. Die einzige Moral, die Diderot gelten läßt, ist diejenige, die der "großen menschlichen Familie" zum Glück verhilft.

K. H. Z.