Der Ferienverkehr hat den Höhepunkt überschritten, die schwierigsten Wochen auf unseren Straßen sind fast vorüber. Alljährlich, wenn die Urlaubsmonate heranrücken, erreichen die Klagen über das Chaos auf unseren Straßen ihre größte Lautstärke. Drei Stichwort sind es, die dann in die Debatte geworfen werden, sie beschwören drei Fragenkomplexe, wie dem Übel abzuhelfen sei: 1. Verkehrserziehung, 2. Straßenbau, 3. Verkehrsregelung (Von den Autos und ihrer Sicherheit einmal abgesehen ) Die Meinungen darüber sind sehr verschieden, die Diskussion ist hitzig, aber schließlich bleibt so ziemlich alles beim alten.

Die Bundesregierung, so heißt es, wartet zunächst ab, ob ihre dringende Mahnung, die sie in diesen kritischen Tagen an die deutschen Kraftfahrer richtete, Erfolg haben wird. Sie setzt wieder einmal alles auf Punkt l: Verkehrserziehung. Sie nannte die bedrohlich zunehmende Zahl der Verkehrstoten, verursacht durch die beiden Hauptvergehen: "Zu schnelles Fahren" und "Alkohol am Steuer". Es seien in den ersten drei Monaten 1966 schon 600 Menschen mehr gestorben als im gleichen Zeitraum 1965. Zu schnelles Fahren hat im Januar 33 1, im Februar 75 und im März 53 9 Prozent mehr Unfälle verursacht. Bei Alkohol am Steuer macht die Steigerungsrate für Januar und Februar jeweils 36, für März 59 1 Prozent aus. Von den 15 700 Menschen, die im Jahre 1965 tödlich verunglückten, kamen 7270 in geschlossenen Ortschaften ums Leben, 7710 Menschen verunglückten tödlich auf anderen klassifizierten und nicht klassifizierten Straßen außerhalb geschlossener Ortschaften. Aber nur 720 Menschen starben auf den Autobahnen, jeder 21. Verkehrsautounfall, der Todesopfer forderte, ereignete sich also auf der Autobahn, und das heißt doch wohl, daß ein Hauptargument der Fachexperten: "Eine gut gebaute Straße hat nicht etwa eine unfallverhindernde, sondern eher eine unfallfördernde Wirkung" mattgesetzt wird. Punkt 2 der Debatte, der Straßenbau, ist für die Sicherheit ein ebenso wichtiger Punkt wie die anderen. Die Tatsache, daß jeder zweite tödliche Verkehrsunfall auf Straßen innerhalb geschlossener Ortschaften geschah, wo das Tempo 50 gesetzlich vorgeschrieben ist, lenkt die Aufmerksamkeit auf ein in diesem Zusammenhang vordringlich diskutiertes Thema, nämlich die Geschwindigkeitsbegrenzung, zugehörig dem Punkt 3 der großen Verkehrsdebatte. Die genannten Zahlen zeigen aber, daß die Forderung der Geschwindigkeitsbeschränkungen gewiß nicht aus der Unfallstatistik herzuleiten ist, wie das immer wieder geschieht.

Als äußerste Begrenzung der Geschwindigkeit werden für die Autobahn 120 Kilometer in der Stunde und 90 bis 120 Kilometer auf den Bundesstraßen genannt. Erwogen wird auch für die Autobahnen die Begrenzung der Geschwindig keit nach unten auf 80 Kilometer, selbst wenn aus dem Bonner Verkehrsministerium erneut wieder verlautet, daß an eine allgemeine Reduzierung der Geschwindigkeit vorläufig nicht zu denken ist.

Allerdings, so berichtet unser Korrespondent aus Bonn, behält sich Verkehrsminister Seebohm Maßnahmen vor, wenn sich die Unfallstatistik bis zum Jahresende weiterhin verschlechtert "Seebohm will nicht", wie sich ein Abgeordneter ausdrückte, "zum Unfallbohm werden, weswegen er den Unfall Boom dämpfen muß Man ist sich im Verkehrsministerium klar darüber, daß die jetzigen Tempobegrenzungen, die man zur Zeit noch für ausreichend hält, allzu oft nicht eingehalten werden. Dies stellte die Polizei der Bundesländer vor allem bei Omnibussen fest, die ihre generelle Tachometer Pflichtgrenze von 80 Kilometern in der Stunde oft überschreiten. Der deutsche Autofahrer selbst soll es also in der Hand haben, ob vielleicht 1967 neue Verordnungen seine Beweglichkeit behindern werden. Die Verkehrsunfallzahlen zur Reisezeit sind zwar nicht symptomatisch, aber zum Beispiel die 32 Todesopfer des Limburger Busunglücks finden ihren Niederschlag in der Unfallstatistik für 1966 — als schlimme Belastung in jeder Hinsicht. Wir geben im folgenden aus dem lebhaften Echo zu unserer Umfrage, die wir an die Verkehrsexperten richteten und in der wir zunächst die Themen Verkehrsunfälle und Straßenbau behandelten, einigen Meinungen Raum, extremen Stimmen darunter, die aber auch dazu beitragen können, Klarheit zu schaffen, und sei es dadurch, daß sie Opposition erregen: