E. K., Aalen

Ein rundes Dutzend Soldaten vom Flugzeugerkennungsdienst hat es gesehen: Jeder zweite Pilot der alliierten Streitkräfte hält sich nicht an die Vorschriften. Die Hälfte der 170 Flugzeuge, vielfach lautstarke Überschalljäger, die kürzlich innerhalb einer Woche die Donaustädte Ulm und Neu-Ulm überflogen haben, hielten nicht die Mindesthöhe von 600 Meter ein. "Am unliebsamsten fielen die Kanadier auf", stellte der Neu-Ulmer Bundestagsabgeordnete Fellermeier fest. "Einigermaßen erträglich verhielten sich die Engländer und die Amerikaner."

"Um eine Katastrophe zu verhindern und die weltbekannte, von Balthasar Neumann erbaute Abteikirche zu erhalten, muß die sofortige Einstellung der Überschallflüge, gleich in welcher Höhe, im Bereich des Klosters Neresheim gefordert werden", erklärte der Prüfingenieur für Baustatik, Diplomingenieur Karl Thier aus Ludwigsburg, nachdem er die Kirche untersucht hat. Es müsse mit einem Einsturz der Kuppeln gerechnet werden, da sich das Bauwerk im "Knallteppich" der Überschallflüge befinde. Es seien nicht nur die Stoßwellen zu befürchten, meinte der Sachverständige, sondern auch die Schwingungen, die den Turm der Klosterkirche bedrohen. "Die im Überschallbereich liegenden Bauwerke erleiden Schwingungen, die Erschütterungen der Bauwerke und damit im Zusammenhang Zerklüftungen des Mauerwerks und der Fundamente hervorbringen."

Nach dieser Expertise wurde die Klosterkirche geschlossen, nicht nur für die Gläubigen und Besucher, sondern auch für die Mönche der Benediktinerabtei. Sie dürfen sich bis auf weiteres nicht mehr in der Barockkirche zur Liturgie versammeln. An den Deckengewölben sind Risse sichtbar geworden. Eine Instandsetzung kostet mindestens fünf Millionen Mark, eine Summe, die zunächst niemand zahlen will.

Zweifellos sind weder die Schäden in Neresheim noch die Risse an der Wallfahrtskirche auf dem Schönenberg bei Ellwangen allein durch vorbeifliegende Flugzeuge verursacht worden. Wenn das Gebälk der Deckenkonstruktionen nicht schon im Lauf der Jahrhunderte brüchig geworden wäre, hätten es die NATO-Piloten sicherlich nicht vermocht, daß in der Kirche auf dem Schönenberg just in dem Augenblick der Stuck von der Decke fiel, als einige Fachleute die Kirche besichtigten. Und wenn sich das Mauerwerk des Ulmer Münsters nicht in den letzten fünf Jahrhunderten gesetzt hätte, könnte man im Hinblick auf die Flugzeuge nicht darauf hinweisen, daß sich die Spitze des Münsters um 31 bis 37 Zentimeter verschoben habe. Dennoch haben die Überschalljäger in Baden-Württemberg Schrecken verursacht.

Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger hat bereits angekündigt, daß er sich mit den Regierungschefs in den anderen Bundesländern in Verbindung setzen werde. Innenminister Hans Filbinger hat den Bundesverteidigungsminister von Hassel um Hilfe gerufen und den Flugzeugerkennungsdienst der Bundeswehr angefordert. Alle Wünsche, die Tiefflugschneise über Ellwangen und Neresheim zu verlegen, fruchteten nichts. Zwar wurde die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig um ein Gutachten gebeten, ob und in welchem Umfang die Düsenjäger die Schäden verursacht haben könnten. Über die Frage, wer für die Schäden aufkommt, ist man sich indessen noch nicht einig geworden.

Die Stuttgarter Landesregierung ist nicht willens, Geld für Reparaturen vorzuschießen. Das Bundesfinanzministerium hat vorsorglich erklärt, bei alten Bauwerken gebe es keine Haftung, "auch wenn der Kausalzusammenhang mit der Überfliegung an sich bejaht werden könnte". Minister Filbinger sagte daher dem Landrat von Aalen: "Man habe keinen Anlaß, sofort in das eigene Staatssäckel zu greifen für Schäden, die andere verursacht haben."

Damit ist den Benediktinermönchen von Neresheim nicht gedient. Sie leben in und auch von ihrer Kirche, die jährlich Zehntausende anzieht und als eine der größten Sehenswürdigkeiten im Nordosten Württembergs gilt. Die Mönche wollen wieder ungestört beten und ohne "Schallknall" in ihrer Landwirtschaftsschule unterrichten können. Ihnen ist auch nicht geholfen, wenn ab und zu einmal ein Pilot wegen Verletzung der Flugbestimmungen disziplinarisch bestraft wird.