Zu Schrippe und Morgenkaffee wurde einer viertel Million Berlinern ein Kapitalverbrechen zelebriert: "Bild" beging seinen bisher perfektesten Mord – am Ruf eines prominenten Künstlers.

Das letzte Opfer einer stattlichen "Bild"-Strecke heißt Dieter Hallervorden, Chef des Kabaretts "Die Wühlmäuse". Sein Pech: Er fuhr ein rotes Auto wie sein Vorgänger am Galgen der "Bild"-Schlagzeilen: Waldemar Wohlfahrt. In diesem Wagen war er angeblich gesehen worden, als er mit einer Prostituierten sprach, die einige Stunden später ermordet aufgefunden wurde. Hallervorden wurde verhaftet und in der vergangenen Woche wieder freigelassen. Es besteht nach Ansicht des Richters kein "dringender Tatverdacht" mehr gegen ihn, nachdem sich herausgestellt hat, daß die Kronzeugin der Polizei siebenmal vorbestraft ist – unter anderem wegen vorsätzlicher Falschaussage. Außer ihren Behauptungen haben die Ermittlungen bisher kein Indiz für die Schuld des Verdächtigen erbracht.

Hallervorden tritt nun wieder in seinem Kabarett auf. Doch der Schauspieler wird fortan sein Publikum das Gruseln statt das Lachen lehren. Ein witzereißender Prostituiertenwürger... Der Rufmord der "Bild"-Zeitung war zu perfekt, als daß ein Richterentscheid ihn ungeschehen machen könnte.

Auf der ersten Seite der Berliner Ausgabe des Blattes vom 4. August hatte die Schlagzeile geprangt: "Sie sind verhaftet!" Dann der Erlebnisbericht der Kronzeugin: "Ich saß in dem roten Auto." Zweifel an der Schuld des Verdächtigen wurden ausgeschaltet mit der Feststellung: "Eine junge Frau ist wahrscheinlich nur mit viel Glück dem Tode entronnen. Denn: Sie saß schon in dem weinroten Citroën (von Hallervorden)." Auf der zweiten Seite: "Bild sprach mit der Frau des Verhafteten." Natürlich glaubte sie an die Unschuld ihres Mannes und erzählte dem Leser, der es schon besser wußte: "Wir führen eine glückliche Ehe. Unsere Kinder sind keine Zufallsbabys." Rührende Plaudereien aus der Intimsphäre des Frauen-Killers und ein aufmunterndes Schulterklopfen der Reporter für die tapfere Verbrecher-Gattin: "Wünschen wir ihr die Freunde, die sie jetzt braucht. Sie hat keine Mutter mehr..."

Auf der dritten Seite schließlich lief’s der Redakteurin Marianne Koch "eiskalt über den Rücken", als sie die letzte Vorstellung der Wühlmäuse vor der Verhaftung des Chefs besuchte. Aus ihren Reflektionen: "Meine Augen bleiben an diesen Händen kleben. Luise Nährlich wurde erwürgt, schießt es mir durch den Kopf. Diese Hände sind schmal, aber nicht besonders zart, will es mir scheinen. Nicht so, wie man sich Künstlerhände vorstellt..." Es sind ja auch Würgerhände, darf der Leser ergänzen. Letzte Zweifel beseitigt ein Photo: Hallervorden in einer Szene als mephistophelischer Irrenarzt mit einem Knüppel in der Hand. Als Unterschrift ein Zitat aus dem Text der Kabarett-Nummer: "Und das Allergrößte, das ist die Lust an der Gewalt. Macht haben – danach strebt der Mensch, solange er lebt."

Als sechs Berliner Bühnen mit einem Hausverbot für Marianne Koch reagierten, registrierte das Blatt dies triumphierend und höhnte: "Bild-Berlin wird also künftig diese Musentempel meiden müssen. Wir hoffen, daß unsere viertel Million Leser es verschmerzen werden." Und als es deutlich wurde, daß die Polizei kein beweiskräftigeres Material gegen Hallervorden hatte, kommentierte die Zeitung lakonisch: "Er hatte sich in ein Milieu begeben, in dem man damit rechnen muß, sich schmutzig zu machen." Wer aus einem roten Wagen Prostituierte anspricht, der muß sich eben gefallen lassen, als Lustmörder bezeichnet zu werden ...

Daß ihr im Fall Wohlfahrt ein Prozeß droht, konnte die Redaktion nicht abschrecken. Auch weiterhin betreibt sie Lynchjustiz mit Kugelschreiber und Rotationsmaschine.