Von Peter Grubbe

John Mecklin: Augenzeuge in Vietnam; Lorch-Verlag,Frankfurt; 340 Seiten; 22,80 DM

Es gibt im Augenblick wohl keinen Konflikt, der die Weltöffentlichkeit stärker beschäftigt als der unerklärte Krieg in Vietnam. Leider ist die Unterrichtung des deutschen Publikums über die Entwicklung in diesem einzigen Lande der Welt, in dem Ost und West einander mit Waffen bekämpfen, recht lückenhaft. Auch die deutsche Presse und das Fernsehen berichten darüber nur sporadisch, gleichsam "von Fall zu Fall". Es ist daher nur zu begrüßen, wenn sachkundige Bücher dem deutschen Leser eine Möglichkeit geben, sich über dieses Problem zu unterrichten.

John Mecklins "Augenzeuge in Vietnam" ist ein solches Buch. Der Verfasser war von Juli 1962 bis März 1964 "Public Affairs’ Officer", also Leiter des Informationsdienstes der nordamerikanischen Mission in Saigon. Und viele europäische Journalisten, die in jenen Jahren Südvietnam besuchten, werden sich seiner gern erinnern. Denn er war auch als Diplomat und Beamter Journalist geblieben, der er von Haus aus war. (Mecklin war Reporter bei der amerikanischen Zeitschrift "Time" und ist nach seiner Rückkehr aus Saigon 1964 in die Redaktion der "Time" zurückgekehrt.) Er drängte seinen Kollegen, die für die Presse arbeiteten, nicht die Meinung der Regierung auf, die er vertrat, sondern er versuchte, ihnen möglichst viele und objektive Informationen zu beschaffen, damit sie ihre Leser unterrichten konnten.

Diese aufgeschlossene und gelegentlich auch kritische Haltung gegenüber seinem eigenen Land kostete ihn schließlich auch seinen Posten. Anfang 1964 wurde er nach Washington zurückversetzt. Die "New York Times" berichtete am 10. Mai 1964 darüber:

"Mecklin wurde weniger wegen politischer Differenzen nach Haus geschickt als offenbar deshalb, weil er zu selbständig mit der Presse ... verhandelt hat, ein Vorrecht, das (Botschafter) Lodge sich selbst vorbehalten wollte."

Das jetzt vorliegende, erfreulicherweise mit einer Zeittafel, leider jedoch nicht mit einer Karte ausgestattete Buch berichtet über die Erfahrungen, die der Verfasser in Saigon gemacht hat, und zieht politische Nutzanwendungen daraus. Die Erfahrungen, die er seinen Lesern mitteilt, sind vielfach deprimierend. Die amerikanischen Berater in Südvietnam sind meist von besten Absichten beseelt, aber sie sind überorganisiert. Es gibt ein halbes Dutzend verschiedene Abteilungen, die ohne Fühlung untereinander arbeiten und sich mit den gleichen Problemen beschäftigen. Die grundverschiedene Mentalität der Amerikaner und der Vietnamesen führt immer von neuem zu schweren Mißverständnissen. Die amerikanische Pressepolitik, die ständig versucht, den Gegner zu täuschen, indem sie den eigenen Journalisten Informationen vorenthält, führt zu einer bitteren Fehde zwischen Diplomaten und Journalisten.