Bremen, im August

Der Prozeßsaal, altertümlich und von drohender Würde, läßt keine Sentimentalität zu. Die beiden Zeugen, nüchtern und um korrekte Aussagen bemüht, nehmen nur wenig Notiz voneinander. Es ist der 19. Verhandlungstag im Verfahren gegen Fritz Hildebrand, der angeklagt ist, in den Jahren von 1942 bis 1944 im Raum Galizien an Massentötungen und Einzelerschießungen beteiligt gewesen zu sein, begangen an Juden.

Es ist einer von vielen hundert Prozessen dieser Art, ein Prozeß, der kein Aufhebens verursacht. Die Zahl der Zuhörer läßt sich an den Fingern zweier Hände abzählen. Der Angeklagte, ehemaliger SS-Obersturmführer, "Judensachbearbeiter im Lemberger SS-Stab, Inspekteur und Kommandant jüdischer Zwangsarbeitslager, schon einmal zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, zuletzt kaufmännischer Angestellter, heute 63 Jahre alt, ist ein Dutzendtyp: graue Haare, grauer Anzug, graue Stimme. Er leugnet, kann sich nicht erinnern. Über die Einzelheiten des Prozesses berichtet nur die Lokalpresse. Im März 1967 soll das Urteil gefällt werden. Es wird keine Schlagzeilen machen.

Anders an diesem Tag, dem 19. im Verfahren gegen diesen Fritz Hildebrand. Auf der Zeugenliste sind die Namen eines Mannes und einer Frau verzeichnet, die ein merkwürdiges Schicksal vor mehr als 22 Jahren zusammenführte, damals in Galizien. In dem Bremer Schwurgerichtssaal stehen sie sich seit damals zum erstenmal wieder gegenüber: Die Frau, Hilde Olsen, Sekretärin, wohnhaft in New York City; der Mann, Berthold Beitz, Generalbevollmächtigter der Firma Krupp, Essen.

Beide kannten den Angeklagten Hildebrand in der Uniform des SS-Obersturmführers, jeder freilich auf eine andere Weise – die eine als jüdische Insassin des Lagers Boryslaw, der andere als deutscher Direktor der kaufmännischen Abteilung in der Karpaten-Ölgesellschaft. Lange Zeit war die Jüdin, privilegiert als "Rüstungs"-Mitarbeiterin, Schreibhilfe des Deutschen, der in verantwortlicher Position in einem "kriegswichtigen Betrieb" arbeitete. So haben sie auch ihre eigenen Erinnerungen, ihre eigenen Erlebnisse aus jenen Jahren. Sie lebten in verschiedenen Welten, die Sekretärin und ihr Chef.

Die Zeugin berichtet von Erschießungen, davon, wie die Juden aus den Häusern, durch die Straßen, in die Viehwaggons getrieben wurden. Sie verlor damals ihre Eltern und ihre Schwester. Und sie sagt aus: "Wir alle wußten, wohin diese Züge fuhren. Wir wußten, daß sie in den Tod fuhren." Sie war Augenzeuge. Hildebrand soll an diesen Aktionen mitgewirkt haben. Daß sie überlebte, mutet heute wie ein Wunder an.

In jenen Jahren in Boryslaw schützte Berthold Beitz ihr Leben. Das weiße Haus auf einem Hügel im umzäunten, bewachten Lager wurde ihr Refugium. Dort entging sie, unbehelligt von den SS-Treibern, den Liquidationen. Jenes Haus nannten die dort untergebrachten jüdischen Erdöl-Spezialisten ihre "Arche Noah".