Washington, im August

Der amerikanischen Regierung liegen neue Berichte und Beobachtungen vor, denen sich entnehmen läßt, daß der Aufbau einer Atom- und Raketenmacht in der chinesischen Volksrepublik schneller als erwartet voranschreitet. In welchem Zeitpunkt China ein Arsenal dieser Waffen zum Angriff oder auch nur zur ernsten Bedrohung anderer Länder verfügen wird, läßt sich anscheinend noch nicht genau sagen. Jedoch scheint den chinesischen Technikern und Wissenschaftlern auf diesem Gebiet der "große Sprung nach vorn" geglückt zu sein. Offenbar wird Peking schon in wenigen Jahren über Wasserstoffbomben und Trägersysteme von mittlerer Reichweite verfügen.

Als Industrienation ist China zwar noch immer eine quantité négligeable; die technische Ausrüstung seines 2,5 Millionen Mann starken Heeres schließt wirklich weiträumige kontinentale Operationen aus; seine Seemacht und die Luftstreitkräfte sind unbedeutend im Vergleich zu dem Potential, das den Amerikanern allein im Pazifik zur Verfügung steht. Dennoch geht Washington mehr und mehr davon aus, daß "Festlandchina" – dieser Begriff hat das Wort "Rotchina" jetzt im amtlichen amerikanischen Sprachgebrauch verdrängt – schon in so naher Zukunft zu den eigentlichen Weltmächten zählen wird, daß die Planung der aktuellen Politik darauf abgestellt werden muß.

China kann weder auf den Ozeanen noch in Europa, Lateinamerika oder Afrika machtpolitisch wirkungsvoll und auffällig in Erscheinung treten, doch in Asien hat es den Vorteil der inneren Linie. Die Politik Washingtons geht von der Voraussetzung aus, daß sich heute das weltpolitische Gleichgewicht auf dem asiatischen Kontinent entscheidet wie einst das europäische Gleichgewicht an den Küsten der Nordsee und des Ostatlantiks. Das meinte Präsident Johnson, als er am 12. Juli sagte, Asien stehe nicht mehr draußen vor der Tür des zwanzigsten, Jahrhunderts; es werde "entweder unser Partner oder unser Problem".

Damit wurde keineswegs eine neue Doktrin für die amerikanische Asienpolitik verkündet. Den Amerikanern und dem Ausland wurde lediglich ins Bewußtsein zurückgerufen, daß die Vereinigten Staaten ihre Schutzrolle in Europa nur dann erfüllen können, wenn sie ihre asiatische Position nicht zusammenbrechen lassen oder freiwillig aufgeben. Ihre globale Schutzfunktion haben die Amerikaner nach 1945 kraft unausweichlicher Tatsachen übernehmen müssen; sie wurden zum Teil vertraglich sanktioniert, und es grenzt an politische Kinderei, den Amerikanern anzuraten, sie sollen aus Vietnam verschwinden und sich ausschließlich auf Europa konzentrieren. Berlin und die NATO werden heute indirekt am Mekong verteidigt. Wenn die Amerikaner dort das Feld räumten, hätten sie in Asien morgen mit ungleich größeren und wahrscheinlich verzehrendem Aufwand weitaus größere Fronten zu decken.

Auch darf nicht übersehen werden, daß Amerika seit seinem Eintritt in die Weltpolitik niemals ausschließlich nach Europa orientiert war. Wie Rußland zugleich eine europäische und eine asiatische Macht ist, sind die Vereinigten Staaten stets zugleich eine atlantische und eine pazifische Macht gewesen. Schon 1852 erschloß Kommodore Perry mit seinen schwarzen Schiffen Japan für den amerikanischen Handel; in China traten die Amerikaner als Verfechter einer Politik der offenen Tür auf und distanzierten sich von dem nackten Kolonialimperialismus der europäischen Mächte; nach dem Krieg mit Spanien von 1898 nahmen sie Guam und die Philippinen in Besitz; in den Washingtoner Verträgen von 1922 sicherten sie sich eine fernöstliche Schiedsrichterrolle; im Zweiten Weltkrieg war die Frage, ob der Schwerpunkt des amerikanischen Einsatzes zuerst auf die fernöstlichen oder die europäischen Fronten gelegt werden solle. Der Aufstieg der Chinesischen Volksrepublik zur dritten Weltmacht muß zwangsläufig ein Zurückpendeln der vitalen amerikanischen Interessen von Europa nach Asien bewirken – und das um so eher, als Westeuropa relativ gesichert erscheint und keine sowjetische Neigung bemerkbar ist, diesen Zustand unbedacht zu stören.

Hinter den Rauchwolken des Vietnamkrieges ist im übrigen das gleichgestimmte Streben der Russen und der Chinesen zu erkennen, den anderen kommunistischen Partner so tief wie nur möglich mit Amerika zu entzweien, ihn möglichst nahe an die Konfrontation mit den USA heranzumanövrieren und ihn dadurch zu schwächen und abhängig zu machen.