Von Jürgen Claus

War die Alternative: Salzburg, Bayreuth oder Büdingen, wie sie der Maler Werner Schreib ante festem in einem Flugblatt zum 2. Kunstfest im oberhessischen Büdingen ausgab? Der Kunstabend, den er im vergangenen Jahr zusammen mit dem Maler und Galeristen Bruno Großkopf und dem Filmmacher Gerd Winkler als Alleingang innerhalb von zwei Stunden abwickelte, hatte diesmal die Dimension eines westdeutschen Sommerfestes der Kunst angenommen. Eingeladen waren rund 15 Künstler, um in Büdingen in einer winzigen Gasse Kunststand und abendliche Inszenierung im Freien abzuhalten.

Kunststand: Der Künstler schlüpfte für vier kurze Stunden in die Pose des billigen Jakobs, pries lauthals oder verlegen seine Ware an, die er zum Teil, wie das Programm es vorgesehen hatte, im Stand erst produzierte. Da leimte Konrad Lueg aus Düsseldorf Süßigkeiten auf Tapetenstücke, Horst Bingel, der Herausgeber der Streit-Zeitschrift, annoncierte und verkaufte das Wetter von gestern und von morgen, Werner Schreib führte im Kopfhörer – Preis eine Deutsche Mark – die Urlautsonate Schwitters, von dem Dadaisten selbst gesprochen, vor; zeigte einem gelassen kaufenden Publikum, das sich um die Stände drängte, seine Brandbilder. An einem anderen der vierzehn Stände ließen sich handsignierte Nägel von Günther Uecker zum Preis von fünf Deutschen Mark erwerben oder handkolorierte Signaturen des Gerhard Rühm – "Kunst zum Mitnehmen, fast ohne Nebenkosten! Sie fehlen, wenn Sie nicht dabei sind."

Für diesen Samstagabend, den 20. August, waren dann unter freiem Himmel zehn Uraufführungen vorgesehen. Drei gingen immerhin über die Bühne, ehe die Bühne in einem plötzlich einsetzenden Regen ertrank. Otto Piene konnte noch die zweite Gründung des Rosenbandordens mit einem absurden Text und heliumgefüllten schwarzen, roten und silbernen Ballons proklamieren. Nach einer "Anweisung zur Utopie" (einem Exkurs mit Lichtbildern und zwei Filmen, die ich mit dem Maler Hannes Grosse gab) dirigierten Gerhard Rühm, Ludwig Gosewitz und Tomas Schmit ihr "Büdinger Oratorium", eine Lesung aus unveröffentlichten Briefen. Die Lesung ging unter in der erwähnten kühlen Dusche, die die zahlreichen Fernsehleuchten laut und plötzlich erlöschen ließ. Das Publikum wurde in einen falschen Saal irregeleitet, der Büdinger Abend löste sich in ein universelles Büdinger Happening auf. Einige führten den Abend mit Kegeln, andere mit Schimpfen, viele mit Trinken fort.

Die Kamerateams kamen auf ihre Kosten, sprich: auf ihre Sendezeiten. Die Art jedoch, wie auch eine zerfahrene Situation noch von der Kamera registriert wurde, ließ an Brechts Warnung an den Künstler denken, sich nicht zum Rohstofflieferanten eines Apparates verwenden zu lassen, der über ihn verfügt, während der Künstler noch im Glauben ist, ihn zu besitzen. Man hätte dem Abend, für den profilierte Künstler vorgesehen waren, eine straffere Organisation gewünscht. Und den Veranstaltern, überdies, eine gehörige Portion Skeptizismus einem launischen Wetter gegenüber. Schade für die Gäste, die sich aus ganz Deutschland eingefunden hatten. Schade für die Künstler, die ihre Programme zum Teil wochenlang vorher ausgearbeitet hatten und auf diesen Abend setzten.

Abgesichert hingegen war das Ein-Mann-Kabarett von und mit Hanns Dieter Hüsch aus Mainz, das am folgenden Morgen bei Sonne im geschlossenen Saal stattfand. Das intellektuelle Kabarett Hüschs mochte manchen Besucher für einen ertrunkenen Abend entschädigen. Hüsch arbeitete mit Witz und Wortakrobatik, mit brillant kontrollierter Gestik und Mimik. Er begleitete seine Songs auf dem Klavier und übertraf seinen Ruf als einziger Profi auf den Brettern. "Kultur ist eben ein schweres Geschäft. Aber wer will heute schon darauf verzichten?" War das ins Stammbuch der Stadt Büdingen geschrieben? Jedenfalls hatten Besucher, Zaungäste wie Akteure dieses Büdinger Kunstfestes ihre Erfahrung mit dem "schweren Geschäft Kultur" gemacht.

Nicht ob Kunst auf dem Lande gedeihen mag, ist zu bezweifeln. Vielmehr ob Kunst unter so verschiedenen Vorzeichen, Individualitäten, Stilrichtungen auf ein erträgliches Maß an Harmonie der Dissonanzen gebracht werden kann. Weniger wäre sicher auch hier mehr gewesen. Der Start im letzten Jahr scheint mehr versprochen zu haben, als dieses Jahr hielt.