Man nannte ihn den "letzten Griechen" oder den "letzten verrückten Amerikaner von Paris". Er schritt, schlank und hochgewachsen, in Sandalen und hellenischen Gewändern – ein wandelnder Anachronismus in der Rue de Seine, wo Mädchen in Mini-Röcken und langmähnige Jünglinge stumm vor den Schaufenstern moderner Galerien stehen oder, sich in halbdunkle Lokale drängen und wo Fremde sich verdutzt vorm Strom der Autos auf die viel zu engen Bürgersteige retten.

Nummer 34 – das war die "Akademia". Dort konnte man im Entree Schutz vor dem Gewühl oder vor einer Regendusche suchen. Seitwärts rechts sah man hinter Glas vergilbte Photos der Tänzerin Isidora Duncan, griechisch gewendet, im Kreise griechisch gewandeter Schülerinnen. Seitwärts links konnte man Spindeln studieren und Erdproben, mit denen man Leinen färben kann. Die großen Schaufenster in der Mitte aber boten Einblick in eine Gemäldeausstellung und in eine Halle, wo Webstühle standen. Manchmal sah man den Meister dort einhergehen: hohe Stirn, Adlernase, energisches Profil. Es kam vor, daß er heraustrat und ein Gespräch begann, im Neugierige zu verleiten, abends seine Vorträge in der "Akademia" aufzusuchen. Bei solcher Gelegenheit erfuhr er, daß ich, der ich mich nicht schnell genug aus dem Staube machen konnte, Deutscher sei, und seither grüßten wir einander in der Rue de Seine.

Raymond Duncan ist soeben gestorben, und die Pariser Zeitungen haben vermerkt, des Viertel von St. Germain-des-Pres sei um ein Original ärmer. Das ist richtig. Hervorzuheben ist aber wohl auch dies: Die Tatsache, daß sein Haar ungeschoren blieb, daß er in selbstgewebten Gewändern alt-griechischen Schnittes ging – einem Athener gleich, der zu des Plato Zeiten zum Areopag schritt –, daß er selbstgemachte Sandalen trug, daß er Vegetarier war und sich, wie er sagte, vor unreinen Gedanken hütete, hat ihn nicht gehindert, bei klarem Verstand ein Alter von 92 Jahren zu erreichen. Füglich müßte das Stichwort heißen: Erfülltes Leben.

Er dichtete, er malte, er schusterte, webte, färbte, druckte, redete, predigte, lehrte. Er war der erste, der die "Elektra" des Sophokles in Amerika aufführte. Seine Sandalen erwiesen sich als haltbar, seine Kunst nicht, und seine Philosophie, daß antikes Lebensgefühl in die moderne Welt zu übertragen sei, hat selbst in Griechenland, der Heimat seiner Frau, kein Mensch geglaubt. Zwar scharte er in seinen Räumen, in denen der "Jugendstil" triumphierte, eine kleine Gemeinde um sich, aber allgemein wurde er unter die Originale eingeordnet; man duldete, ja, respektierte; ihn; das war alles, und er wußte es.

"Modern" war er während des letzten Krieges: Da Stoffe und Kleider, nur gegen Bezugscheine erhältlich waren, gab es viele, die von ihm lernten, zu spinnen, zu weben, zu färben. Hinterher sah er, daß sie seine Kunstfertigkeit, nicht aber seine Lehre vom natürlichen Leben angenommen hatten. Wie anders war dies in Berlin gewesen!

"Wie, bitte?"

"Ja, in Berlin!"