Von Dietrich Strothmann

Es war der Pfingstsonntag 1966 am Kongo. Schon seit einem Monat trafen sich die Verschwörer, vier ehemalige Minister, in der Villa des Oberstleutnants Bangala zu geheimen Beratungen. Ihr Plan: der Sturz des Militärregimes unter Präsident Mobutu; er und seine Freunde sollten im Kongo ertränkt werden. Doch die Putschisten ahnten nicht, daß sich ihr freundlicher Gastgeber nach jeder Zusammenkunft im Präsidentenpalais zum Rapport über den letzten Stand der Konspirationsgespräche meldete. Sie saßen in der Höhle des Löwen, der nur darauf wartete, sie zu vernichten. An jenem letzten Sonntag im Mai schlug ihre letzte Stunde: Mobutu gab Befehl, die Verräter dingfest zu machen.

Ehe sich die Umstürzler wieder in der Villa einfanden, versteckte Oberst Bangala im Garten eine Handvoll Paras von Mobutus Leibgarde. Als barfüßiger Kellner, der den Gästen eilfertig Getränke servierte, fungierte ein Hauptmann der Nationalarmee; auch die übrigen Diener waren • verkleidete Offiziere. Die Verschwörer waren gerade dabei, die letzten Befehle zu formulieren, als der Oberst ein Zeichen gab. Seine "Boys" stürzten in das Zimmer und führten die verdutzten Putschisten ab. Tags darauf, am Pfingstmontag, standen sie unter glühender Sonne auf dem Rasen vor Mobutus Palast. Fünfzehn Minuten lang verhörte sie der Präsident persönlich, während Soldaten Wasser auf ihre Handfesseln gossen, um sie straff zu halten. Dann überließ er sie dem Militärsondergericht, das unter freiem Himmel tagte und nach einem Schnellverfahren, das nicht einmal zwei Stunden dauerte, die Urteile fällte: Tod durch den Strang. Zehntausende schauten dann der Hinrichtung zu. Für sie war es ein Volksfest. Als Mobutu im November die Macht übernahm, hatte er ihnen Brot versprochen. Nun lieferte er ihnen auch die Spiele dazu.

Tatsächlich hat der erst knapp 36jährige Joseph-Desire Mobutu manches vom Lebensstil und politischen Temperament eines altrömischen Cäsaren angenommen – obwohl glaubwürdig berichtet wird, auf seinem Nachttisch lägen die Werke des nüchternen Preußen Clausewitz stets griffbereit. Er schmückt sich gern mit farbenprächtigen Uniformen, verleiht sich selber höchste Orden, ist dem Genuß nicht abgeneigt, verstand es noch immer, zur rechten Zeit auf das richtige Pferd zu setzen und hat schon in manchen heiklen Situationen Mut bezeugt. Auch scheut er sich nicht, große Worte zu benutzen, um seinen Untertanen zu gefallen und als Politiker ein riskantes Spiel zu spielen, wenn er davon überzeugt ist, daß sich ein hoher Einsatz lohnt.

Als sich Mobutu im vergangenen November mit einem Handstreich – ohne Blut und Tränen – auf Kongos Thron schwang, proklamierte er der jubelnden Menge: "Allein die Liebe zum Vaterland und der Sinn für die Verantwortung gegenüber der kongolesischen Nation haben das Oberkommando bewogen, diese Maßnahmen zu ergreifen. Es wird dies vor der Geschichte, vor Afrika und vor der Welt bezeugen." Und nachdem er dem ersten Präsidenten Kasavubu per Brief mitgeteilt hatte, er sei seines Postens enthoben, erklärte der frischgebackene, selbstgewählte Staatschef: "Unsere politischen Führer hatten sich in einen sterilen Kampf eingelassen, um die Macht an sich zu reißen, ohne Rücksicht auf das Wohl der Staatsbürger. Der politische Bankrott war komplett. Wir werden das ändern und versuchen, überall den Geist der Disziplin einzuführen."

Bald darauf aber mußte er alle Mühe darauf verwenden, im Nordosten des Landes eine Rebellion seiner Truppen im Keime zu ersticken, die seit drei Monaten keinen Sold bekommen hatten. Und unterdessen hat Mobutu sogar den Zorn seiner bisher getreuesten Freunde auf sich geladen, der Belgier. Er erklärte die Finanzabmachungen, die im Februar 1965 zwischen der kongolesischen und belgischen Regierung zur Tilgung alter Kolonialschulden getroffen worden waren, mit einem kühnen Federstrich für null und nichtig, beschlagnahmte kurzerhand belgisches Eigentum, erhöhte die Ausfuhrzölle für Kupfer und die Gebühren für neue Schürfkonzessionen. Der "Kongo de Papa" sei tot, rief er aus. Hatte er in Brüssel vordem den Ruf eines besonnenen, taktvoll agierenden Militärs, so wird er dort heute als "anmaßender Sergeant" beschimpft, selbst von denen, die einmal zu seinen Gönnern zählten.

Fordert der junge, energische Mobutu nun, da er alle Macht in Händen hat, allzu dreist das Glück heraus, das ihm in den wirren Jahren stets zur Seite stand? Wird er als "Retter des Kongo" in die Geschichte eingehen – oder wird er als Mann der vorletzten Stunde am Ende scheitern? Heute kann er sich noch auf seine Armee stützen, dem vorläufig sichersten Bollwerk in der von Intrigen, Korruptionsaffären und Stammeskämpfen, heimgesuchten Republik. Doch morgen schon können sich die 45 000 Soldaten unter ihren Offizieren einen neuen Führer wählen, einen der Obersten etwa, die im Augenblick noch treu zu ihrem Oberkommandierenden und Staatspräsidenten Joseph-Désiré Mobutu halten. Auch im Kongo kann der Freund von heute der Feind von morgen sein.

Er selber hat, wenn er es für notwendig erachtete, bei diesem kongolesischen "Bäumchenwechsel-dich"-Spiel eifrig mitgehalten – Mobutu, der nicht zum Offizier ausgebildet worden war und in der ersten "Demokratischen Republik Kongo" zum General aufstieg, der das politische Geschäft nie erlernte und sich sechs Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung zum höchsten Mann im Staat erhob. Auch er behandelte seine Freunde häufig als seine Feinde: Ende der fünfziger Jahre trat er in die "Nationalbewegung" Patrice Lumumbas ein. Schon eine Woche, nachdem die Belgier ihre Kolonie in die Freiheit entließen, rettete er den zum Ministerpräsidenten gekürten Kampfgefährten vor meuternden Angehörigen der "Force Publique"; im Februar 1961 aber überließ er ihn dem revoltierenden Katanga-Präsidenten Tschombé, der ihn umbringen ließ.

In Juli 1964 rief Mobutu den aus dem Lande gejagten Tschombé aus spanischem Exil in die Heimat zurück und sorgte dafür, daß er Regierungschef wurde. Ein Jahr war kaum vergangen, da nutzte Mobutu die Rivalität zwischen Kasavubu und Tschombé aus, um den Präsidenten zu stürzen und den "alten Kameraden" zum zweitenmal aus dem Kongo wegzugraulen.

In der Zwischenzeit aber feierte dieser den heimtückisch umgebrachten Lumumba öffentlich als Nationalhelden und taufte den alten Boulevard Leopold in der Hauptstadt in Lumumba-Boulevard um. Ein Stück "Demokratie à la Congolaise", wie Mobutu lächelnd seine Politik nach der Machtübernahme definierte.

Fünf Jahre, so legte er es vor dem Parlament (dem er fast keine Befugnisse ließ) fest, werde er im Amt des Präsidenten bleiben. Doch schor. wenige Monate nach seiner spektakulären, mit dem üblichen Pomp gefeierten Selbsternennung ist es um Mobutu stiller geworden. Der ehemalige Feldwebel und gelernte Stenograph tritt nur noch selten vor die Öffentlichkeit. Er hat sich in das Palais über den Stromschnellen des Kongo zurückgezogen, streng bewacht von seinen Fallschirmjägern. Es heißt, Anhänger Tschombés trachten ihm nach dem Leben. Tschombé, für dessen Sohn Mobutu einst die Patenschaft übernommen hatte, wirbt derzeit in Spanien und Frankreich weiße Söldner für ein "letztes Gefecht" gegen den neuen Staatschef an.

Nach der Vereidigung des neuen Kabinetts erschien in einer kongolesischen Zeitung ein Leitartikel mit der Schlagzeile "Ende der Diktatur, des Despotismus, des Chaos und der Anarchie". Auch unter dem strengen "demokratischen" Regiment des Generalleutnants Joseph-Desire Mobutu wird dies wohl ein Wunschtraum bleiben, für mehr als nur für fünf Jahre. Das kongolesische Krisenkarussell wird sich weiter drehen.