Bonn

Bundeskanzler Ludwig Erhard, dem es bis jetzt trotz freundlichen Winkens nach Osten nicht gelungen ist, Partei- und Staatschef der Sowjetunion nach Bonn zu bekommen, und der auch nicht eingeladen wird, hat nun doch einen Weg gefunden, seine Zuneigung zum russischen Volk öffentlich zu dokumentieren. Wenn der "Moskauer Staatszirkus", der Anfang September zum drittenmal in die Bundesrepublik kommt, Premiere hat, will Erhard in der Ehrenloge sitzen. Zum erstenmal wird ein deutscher Regierungschef die sowjetischen Clowns, Akrobaten und Jongleure mit allerhöchstem Wohlwollen auszeichnen.

Zwar ist zwischen Bonn und Moskau seit 1959 kein neues Kulturabkommen mehr geschlossen worden. Dennoch werden mit ausdrücklicher Billigung des Auswärtigen Amtes, weiterhin Westgegen Ost-Ensembles ausgetauscht, auf Anregung und durch das Management eines privaten Unternehmers.

J. Helmut Mattner, der 42jährige Düsseldorfer Schau-Veranstalter, mit dem Bonn die Lücke des Kulturaustausches provisorisch schließen wird, ist kein Neuling im artistisch-politischen Geschäft.

Neben internationalen Attraktionen aus dem Westen brachte Mattner in den letzten Jahren auch die ersten Sowjet-Ensembles in die Bundesrepublik: den Moskauer Zirkus und das Bolschoi-Ballett.

Das Bonner Außenministerium ließ den cleveren Mattner, der in Düsseldorf publizitätsträchtige Lokale wie die "Datscha" (mit Zarenkrone für einen Ehrentrunk) und "Töff-Töff" sein eigen nennt, gern von den Austauschkontingenten profitieren. 1958 begeisterte der russische Clown Popow erstmals das deutsche Hallenzirkuspublikum, 1958 reiste das Tanzorchester Max Greger als erster westdeutscher Kulturtrupp gen Moskau. Angesichts des großen Beifalls der Sowjetmenschen wurde es Mattner nicht einmal verübelt, daß er die harten Greger-Rhythmiker als bayerische Trachtenkapelle "verkauft" hatte. Denn bei der Probevorstellung des Orchesters vor sowjetischen Kulturfunktionären, die Mattner als swing- und boogie-feindlich einschätzte, boten die Musikanten vor allem Schuhplattler.

1961 kam der Moskauer Staatszirkus abermals, und zwei Jahre später durfte ein "Deutscher Zirkus" mit Erfolg durch die Sowjetunion reisen. Schließlich konnte dank Mattners Glück und Geschick auch das Tanzorchester Kurt Edelhagen eine Tournee durch sowjetische Großstädte unternehmen. Den Auftakt des – fast allein von Mattner bestrittenen – offiziellen deutsch-sowjetischen Kulturaustausches hatten Gastspiele des Omsker Chors und des ukrainischen Moissejew-Balletts gebildet.