Vielleicht bekommt die Deutsche Lufthansa die Chance, doch noch einmal ein deutsches Verkehrsflugzeug zu kaufen, obwohl sie auf die Typen der amerikanischen Flugzeugfirma Boeing eingeschworen ist. Denn seit einigen Wochen besteht die Möglichkeit, daß es eine Boeing made in Germany geben wird. Einen Namen hat man jedenfalls schon: Boeing 757.

Gedacht ist an ein Flugzeug mit 250 bis 300 Sitzen für Mittelstrecken von 500 bis 2000 Kilometern. Der Gedanke ist nicht neu; die Europäer hatten ihn bereits, und sie hatten ebenfalls schon einen Namen für das geplante Flugzeug: Europa-Airbus. Es sollte einmal ein europäisches Projekt werden, gemeinsam entwickelt und gebaut von den drei größten Industrienationen Westeuropas – der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Unentwegte Optimisten glauben auch heute noch an den Plan.

Angefangen hatte es im vergangenen Jahr in Le Bourget bei Paris, wo alle zwei Jahre die Flugzeugbauer der Welt ihre Produkte ausstellen. Damals skizzierten zwei britisch-französische Arbeitsgemeinschaften bereits Airbus-Projekte auf den Reißbrettern und bastelten Holzmodelle in Spielzeuggröße. Genauere Kalkulationen zeigten jedoch sehr bald, daß ein solches Projekt für die beiden Länder zu kostspielig werden würde, zumal beide Regierungen auch noch in das sehr teure Überschallabenteuer Concorde verstrickt sind.

Also erging eine Einladung an die Deutschen, sich zu beteiligen; und die Bundesregierung versprach auch, das Projekt aus Bundesmitteln zu fördern. 30 Prozent sollten die deutschen Flugzeugbauer entwickeln und produzieren, veranschlagte man. Die deutsche Luftfahrtindustrie verstand das Projekt als eine gemeinsame Aufgabe und gründete die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Airbus, die in einem Büroanbau des Deutschen Museums in München residiert.

Friedlich unter einem Dach sind hier Ingenieure der ansonsten feindlichen Brüder vereint an der Arbeit. Mit dem Airbus wollen sie den Luftverkehr von dem Nimbus des Außergewöhnlichen befreien, der ihm auch heute noch anhaftet, und ihn zu einem Massenverkehrsmittel machen. Von Frankfurt nach London zu fliegen, soll so selbstverständlich werden, wie die Fahrt von München nach Pasing im Omnibus.

Über diesen Omnibus der Lüfte gab es in den vergangenen Monaten manche Dreiecksdiskussion. Während die Engländer und Franzosen sich im Grunde ein recht konventionelles, nur eben etwas größeres Flugzeug vorstellten, entwickelten die Deutschen – gründlich wie sie nun einmal sind – gleich ein ganzes System, das mit einem U-Bahnhof im Stadtzentrum beginnt und über eine automatisierte Abfertigung der Fluggäste auf dem Flughafen bis zum Flugzeug reicht.

Gleichgültig, was aus dem Airbus-Projekt wird; diese Studien werden für den Luftverkehr der Zukunft auf alle Fälle Bedeutung haben. Für die Großflugzeuge mit mehr als 400 Passagieren, die in fünf oder zehn Jahren im Einsatz sein werden, ist die heutige Bodenorganisation nicht mehr ausreichend – von den Problemen, die ein Verkehr mit Überschallmaschinen mit sich bringt, ganz zu schweigen.