Heiße Tage stehen dem Kanzler an diesem Wochenende bevor – zunächst im Kabinett und gleich anschließend im Präsidium der CDU. Die schroffe Kritik führender Unionspolitiker an Erhards Regierungsführung hat den Kanzler eher verhärtet, ihn noch entschlossener gemacht, sich nicht aus seinem Amt drängeln zu lassen. Weder die wachsenden Zweifel an seiner Fähigkeit noch das dahinschwindende Ansehen des Regierungschefs in der Öffentlichkeit haben ihn in Depressionen gestürzt. Er verzehrt sich nicht in Resignation, ungebrochenes Selbstvertrauen erfüllt ihn. "Es soll erst mal einer kommen, der es besser macht als ich", sagte er der Welt. Das deutet auf Kampf hin; denn der Unwille, der dem Kanzler in der eigenen Partei entgegenbrandet, ist ja keineswegs verebbt.

Freilich: Unter Erhards Kritikern und Gegnern gibt es zwar Kanzleraspiranten, aber nicht einen einzigen Kanzlerstürzer. Es gibt Frondeure, aber noch keine Fronde. Überdies ist Erhard ganz unverhofft Hilfe zuteil geworden. Er und Strauß sind nach ihrem Gespräch am Tegernsee wieder enger zusammengerückt. So verschieden Ziele und Visionen der beiden Vorsitzenden der Unionsparteien auch sein mögen, im Augenblick decken sich ihre machtpolitischen Interessen. Strauß drängt es nicht in ein Kabinett, das auch ihn verschleißen könnte. Nun, da ihm der Eintritt nicht mehr verwehrt wird, behält er sich einen günstigeren Zeitpunkt für die Übernahme eines Regierungsamts vor. Inzwischen vermag er sein Ansehen weiter aufzuhellen, denn Erhard kann sich solche Selbstbescheidung manches wirtschaftspolitische Zugeständnis an die CSU kosten lassen.

Wo der Kanzler nicht mehr weiß, wer alles den Dolch schon gezogen hat und auf wen eigentlich er sich noch verlassen darf, bleibt ihm wenigstens die Gewißheit, daß Franz Josef Strauß sich in diesen Tagen nicht gegen ihn erheben wird. Auf kurze Sicht gesehen ist der Kanzler daher vor einer Revolte geschützt. Auf lange Sicht jedoch bleibt alles offen. Be