Von Richard Schmid

Ob der Begriff der Gotteslästerung und überhaupt der Name Gottes ins Strafgesetzbuch gehört, ist weiterhin lebhaft umstritten.

Dabei stehen nicht etwa die gläubigen Christen auf der einen Seite und die Atheisten und die Agnostiker auf der anderen. Eine breite Bewegung innerhalb der protestantischen Theologie wendet sich aus theologischen Gründen gegen den strafrechtlichen Schutz einer (welcher?) Gottesvorstellung. Manchen Christen und religiösen Menschen außerhalb der beiden Kirchen ist er geradezu ein Greuel und seinerseits eine Lästerung – und ein vergebliches Führen und Mißbrauch des Namens Gottes im Sinne des zweiten Gebots.

Die unbedingte Beibehaltung dagegen und gar die im Entwurf 1962 vorgesehene Verschärfung und Erweiterung der Strafvorschrift vertritt

Werner Schilling: "Gotteslästerung strafbar?" – Religionswissenschaftliche, theologische und juristische Studie zum Begriff der Gotteslästerung und zur Würdigung von Religionsschutznormen im Strafgesetz; Claudius-Verlag, München; 181 S., 19,80 DM.

Die Überzeugungskraft dieser Schrift auf Menschen, welche die Sprache für ein Mittel rationaler Verständigung halten, wird allerdings gering sein. Für Schilling ist die Sprache "das Vermögen, von Gott zu reden". Das Wort redselig gewinnt hier einen neuen Sinn. Auf das Verständnis des Lesers kommt es dabei erst in zweiter Linie an. Wenn Schilling zum Beispiel sagt: "Der Unterschied der Geltung des Gesetzes für den Gläubigen und Ungläubigen besteht nur darin, daß diese, vom Fluch des Gesetzes erlöst sind", so ist das auf alle Fälle dunkel, auch wenn, wie ich vermute, statt diese "jene" gemeint sein sollten. Es kommt bei einem Redseligen nicht darauf an, ob Ausdruck und Sinn zusammentreffen. Die hochwissenschaftliche, von schwierigen Fremdwörtern strotzende Terminologie täuscht allerdings eine gewisse Rationalität vor.

Dunkel und widerspruchsvoll ist schon das, was über den Begriff der Gotteslästerung selbst gesagt ist. Obwohl Schilling im Zusammenhang mit der Gestalt Jesu sagt: "Menschliche Urteilskraft über das, was Gotteslästerung ist, wird von hier aus überaus fragwürdig, weil sie von sich aus nicht weiß, was Gott ist", und obwohl er erklärt, daß dort, wo keine persönliche Gottheit verehrt wird, es "natürlich" auch keine Gotteslästerung gebe, so gibt er doch einige Bestimmungen dieses Begriffs. Gotteslästerung ist für ihn, den Lutheraner, schlechthin der Unglauben, ja schon der Zweifel an Gottes Existenz und seinen Attributen "Hoheit, Heiligkeit, Macht, Liebe und Gerechtigkeit". "Das Herausfallen aus dem Glauben, der Widerspruch gegen Gott, ist ‚Gotteslästerung’. Gottes Wort keinen Glauben schenken, ist die eigentliche Gotteslästerung." Und weiterhin: "In der tiefen Sicht der christlichen Offenbarung bedeutet Gotteslästerung die große Grundverfehlung des menschlichen Daseins im Sinne des Widerspruchs gegen Gott als Glaubenslosigkeit (Sünde, Irrlehre, Heuchelei) auf dem Hintergrunde der eigentlichen Qualifikation des Menschen, ein Kind Gottes zu sein."