Wer Amerika kennt und Italien, Irland und Polen, mag feststellen: unter den Staaten unseres Kulturkreises hebt sich die Bundesrepublik Deutschland als ein eminent christliches Land hervor.

Wer darüber hinaus fragt, in welchen Altersgruppen der deutschen Gesellschaft das Christentum besonders fest verankert ist, stößt wohl auf die Generation der heute Sechzehn- bis Dreiundzwanzigjährigen: diejenigen also, die in ihrer überwiegenden Mehrheit christliche Staatsschulen besucht haben, wie sie nach dem Kriege in allen deutschen Ländern eingerichtet worden sind.

Wenn das so wäre, täte jeder Nicht-Atheist gut daran, mit allen Fasern seines Herzens an der christlichen Konfessionsschule zu hängen.

Jeder Zweifel freilich an der Christlichkeit der Deutschen, und besonders jener Altersgruppe der Teenager und Twens, muß darin auch zu Zweifeln daran führen, ob die christliche Schulerziehung von Staats wegen, wie sie heute in allen Bundesländern praktiziert wird, wirklich zu wünschenswerten Ergebnissen führt, die all den Aufwand an Geld und Eifer lohnen.

Wer nun gar beobachtet zu haben glaubt, vom wahren Christentum gebe es in Deutschland eher weniger als in den meisten Nachbarstaaten, wird sich ernstlich mit der Frage beschäftigen müssen, was Konfessionsschulen mehr fördern: den Glauben oder die Heuchelei?

Bezeichnend scheint mir, daß kritische Stimmen zur Konfessionsschule heute eher von zeitverständigen Theologen zu hören sind als von Wählerverlust fürchtenden Politikern. Unter den Parteien kann sich die CDU/CSU Aufgeschlossenheit noch am ehesten leisten. Die SPD bekannte sich in Niedersachsen wie in Nordrhein-Westfalen zur Konfessionsschule. Und die FDP, die als einzige Partei konsequent für eine Gemeinschaftsschule eingetreten ist, versäumt selten, das Attribut "christlich" einzufügen, damit nur ja auch die Gemeinschaftsschule Bekenntnischarakter nicht ganz verliere.

Frag-würdig ist nicht nur, ob es mit der Trennung von Kirche und Staat vereinbar ist, daß der Staat für die Kirchen Steuern eintreibt und Schulen unterhält; frag-würdig ist auch, ob der derart etablierten Kirche das Odium des Establishment nicht mehr schadet als hilft.