Die Welternährungsorganisation droht im Bürokratismus zu ersticken

Von Sandra Sassone

Rom. Es ist kurz vor 8.30 Uhr. Im geräumigen Innenhof des Gebäudekomplexes, der ursprünglich zum Sitz des italienischen Afrika-Ministeriums ausersehen war, herrscht Hochbetrieb. Herren mit gewichtigen Aktentaschen, Gruppen von Angestellten und Scharen von Sekretärinnen aller Nationen strömen durch die breiten Glastüren der Eingänge zu ihren Büros. Mitten hinein in das geschäftige Gewimmel ertönt plötzlich der Pfiff einer Trillerpfeife. Ein schwarzer Cadillac mit dem blauen Stander der Vereinten Nationen am Kotflügel biegt in den Hof ein. Fast ehrerbietig macht ihm die Menge Platz. Ein livrierter Bediensteter reißt den Schlag auf und verbeugt sich. Würdevoll entsteigt ein photogener Inder der Limousine. Er ist mit europäischer Eleganz gekleidet. Ihm folgt der Livrierte mit Dokumentenmappe und Zeitung. In der Eingangshalle ist inzwischen der Fahrstuhl blockiert worden. Der Angekommene erwidert mit knappem Nicken die Grüße der Umstehenden und geht auf den Lift zu.

Tag für Tag beinahe wiederholt sich diese Szene am römischen Zentralsitz der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agricultural Organization = FAO). Wie viele Orientalen so hat offenbar auch der indische FAO-Generaldirektor B. R. Sen einen ausgeprägten Sinn für das Zeremoniell. Gelegentlich ist allerdings auch die Meinung zu hören, daß der allmorgendliche Auftritt des "Director General" (DG) noch mehr ausdrücke als nur dies. Er sei, so behaupten manche Kenner, geradezu ein Symbol für den Geist in der von Sen geleiteten Organisation. Er versinnbildliche generell den Glauben an das Große, den Hang zum Monumentalen, die in den organisatorischen Maßnahmen des "DG" und in der inneren Entwicklung der FAO von Jahr zu Jahr deutlicher zum Ausdruck kämen.

Die FAO steht an einer der entscheidenden Fronten im Kampf um die Sicherung der Menschheitsexistenz. Ihr Feind ist der Hunger. Neben der Bewahrung des atomaren Friedens ist der Sieg über den Hunger die große Aufgabe der Menschheit im letzten Drittel unseres Jahrhunderts. Die Bevölkerung der Welt wird heute auf 3,3 Milliarden Menschen geschätzt. Sie wird sich aller Voraussicht nach bis zum Jahre 2000 auf sechs Milliarden vermehren. 4,7 Milliarden Menschen mehr also, als jetzt auf der Erde leben, werden dann die Entwicklungsländer Asiens, Afrikas und Lateinamerikas bevölkern. Wovon werden sie leben?

Schon heute, leidet etwa ein Fünftel der Bevölkerung in diesen Gebieten Hunger, ist mindestens die Hälfte qualitativ unzureichend ernährt. Einer Bevölkerungsexplosion steht eine viel zu geringe Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion gegenüber. Zwischen 1960 und 1965 ist die Weltbevölkerung um 11,5, die landwirtschaftliche Erzeugung aber nur um 6,5 Prozent gestiegen. Die Regulatoren der Vergangenheit – Hungertod und Seuchen – gibt es im Zeitalter der modernen Wissenschaften und der internationalen Verflechtung nicht mehr. Der letzte große Krieg liegt zwei Jahrzehnte zurück. Der Mensch, der durch seine medizinischen Errungenschaften die Sterblichkeitsquote immer weiter herunterdrückt, muß neue Mittel finden, um das Gleichgewicht zwischen Weltnahrung und Weltbevölkerung wiederherzustellen.

Diese Heilmittel können nach Lage der Dinge nur heißen: Geburtenregelung und Produktionssteigerung in der Landwirtschaft. Wie die beiden Klingen einer Schere müssen sie – in erster Linie in den Entwicklungsländern – zusammenwirken, wenn eine menschliche, soziale und wohl auch politische Katastrophe in weiten Gebieten der Welt verhindert werden und der Weltfriede nicht in einer Revolution der Hungernden untergehen soll.