Bayerns Protokollchef Philipp von Brand geht in den Ruhestand

München

Bayerns Ministerpräsident macht’s möglich. Alfons Goppel „verlängerte“, wie es im Beamtenjargon heißt, seinen Protokollchef. Damit kann der Ministerialdirigent Dr. Philipp Freiherr von Brand zu Neidstein das seltene Jubiläum fünfzigjähriger Dienstzeit unter dem weiß-blauen Rautenbanner begehen. Mit ihm scheidet Ende August der letzte der einmal „die dapperten Barone“ genannten Adeligen aus der Staatskanzlei aus. Diese Bezeichnung war keineswegs abfällig gemeint. Sie entsprang jenem unnachahmlich bayerischen Charme, der auf liebevoll-unernste Weise anerkennt und rücksichtslos ins Schwarze trifft. Beileibe nicht jedermann durfte den despektierlich klingenden Ausdruck gebrauchen, der im Hochadel erfunden worden und nur in den um die oberste Behörde des Freistaates Bayern angesiedelten Kreisen von Abgeordneten, politischen Zuträgern und allgemeinen G’schäftlhübern im Schwange war.

Die Serenissimus-Atmosphäre zu Zeiten früherer Ministerpräsidenten erhielt ihren Glanz durch die adelige Elite, die der Bayerischen Staatskanzlei einen Hauch von großer, weiter Welt gab. Bedeutende Persönlichkeiten sind aus dem Palais an der Münchener Prinzregentenstraße hervorgegangen, vom Oberbürgermeister von München bis zum Botschafter in Saigon. Der erste Chef des Protokolls der Bundesrepublik, Hans Herwarth Freiherr von Bittenfeld, und der jetzige Protokollchef, Hans Schwarzmann, haben dort jahrelang gewirkt.

Der Sitz des bayerischen Ministerpräsidenten ist alter preußischer Boden. Aus Begeisterung über das Deutsche Reich schenkte Baron Schack das Palais dem deutschen Kaiser. Es wurde preußische Gesandtschaft, und Wilhelm II. pflegte bei Besuchen im Königreich Bayern dort zu nächtigen. Das kaiserliche. Schlafzimmer im Parterre ist heute Dienstzimmer des bayerischen Protokollchefs, und die Badewanne Seiner Majestät war bis vor einem halben Jahr im Nebenraum zu sehen; sie mußte einer Erweiterung des Lifts weichen. Jenseits der Wageneinfahrt, wo heute ein Polizist die Besucher empfängt, hat die Presse- und Informationsstelle ihre Räume. Im vorderen Zimmer starb 1912 der preußische Militärattache, Oberstleutnant von Lewinski, den ein irrer Bayer beim Spaziergang an der nahegelegenen Isarbrücke aus Preußenhaß. niedergestochen hatte. Es war die letzte bekannte politische Bluttat dieses Genres.

Am stillen Ort

Besuchersalons, Vorzimmer und Dienstzimmer des Ministerpräsidenten und seiner Mitarbeiter im ersten und zweiten Stock sind schlicht ausgestattet. Daß die Räume nicht ausreichen, ist die natürliche Folge Parkinsonscher Gesetze. Dabei wird das „Lokuszimmer“ heute nicht mehr besetzt, wo Regierungschefs nominell belastete Mitarbeiter verborgen hielten, als die Amerikaner noch das große Wort in Bayern führten. Den spektakulärsten Aufstieg aus diesem stillen Örtchen nahm der Berater des Ministerpräsidenten Dr. Hans Ehard, Karl Schwend. Er wurde Leiter der Staatskanzlei.