Von Michael Jungblut

In der Bundesrepublik schlief man am längsten. Vielleicht laden die Lorbeeren früherer Erfolge dazu ein. Inzwischen sind sie aber welk, auch wenn immer noch selbstgefällig behauptet wird, das deutsche System der Berufsausbildung sei das beste der Welt. Das war einmal. Seither hat sich manches geändert.

Viele traditionellen Berufe sind verschwunden, andere Tätigkeiten sind neu entstanden. Die beruflichen Anforderungen und die Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten Jahrzehnten immer rascher gewandelt. Ganze Wirtschaftszweige, wie Landwirtschaft, Bergbau oder Textilindustrie schrumpfen, andere, wie Fahrzeugbau und Elektronik, drängen nach vorn. Die Automation fordert ihren Tribut, die gewandelte Nachfrage und die Konkurrenz immer neuer Produkte läßt alte Arbeitsplätze verschwinden und bisher unbekannte Berufe neu entstehen.

Schon heute übt ein Drittel aller Erwerbstätigen in der Bundesrepublik eine Tätigkeit aus, die nichts oder nur wenig mit ihrer ursprünglichen Ausbildung zu tun hat. Sie haben umsonst gelernt. Aber weiterhin werden Lehrlinge für Berufe ausgebildet, von denen man nicht weiß, ob sie ihnen 1980 noch eine Chance bieten können und ihnen gestatten, an der allgemeinenWohlstandsentwicklung teilzunehmen. Berufsforschung ist hierzulande nämlich noch weitgehend unbekannt. Vor allem aber ist sie auch verpönt.

Das liegt nicht nur an der kindlichen Scheu vor allem, was nur entfernt an Planung erinnern könnte. Dahinter stecken auch handfeste Interessen. Schließlich müßte sich manche Wirtschaftsgruppe sagen lassen, daß sie jungen Menschen keine Zukunft mehr bieten kann, daß sie zu viele Lehrlinge ausbildet. Das hört niemand gern. Vor allem in solchen Betrieben nicht, wo Lehrlinge immer noch in erster Linie als billige Arbeitskraft betrachtet werden.

Aber es fehlt nicht nur eine fundierte Berufsvorausschau. Auch die heutigen Ausbildungsmethoden und Prüfungsbestimmungen, die teilweise noch aus dem vorigen Jahrhundert stammen, entsprechen nicht mehr den Anforderungen. Es sollte auch endlich mit dem Unfug der genormten Ausbildungszeit von drei bis dreieinhalb Jahren aufgeräumt werden. Niemand wird im Ernst behaupten wollen, daß ein Fensterputzer die gleiche Ausbildungszeit benötigt wie ein Meß- und Regelmechaniker oder ein Physiklaborant.

Bei der notwendigen Reform geht es nicht nur um das Berufsschicksal der 1,2 Millionen Lehrlinge, sondern auch um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Der einstige Glanz des made in Germany war nicht zuletzt der Zuverlässigkeit und dem Können der deutschen Facharbeiter zu verdanken. Im Leistungswettbewerb auf den Weltmärkten spielen nicht nur niedrige Preise und günstige Kreditkonditionen, sondern vor allem auch die Qualität der Produkte eine Rolle. Hier liegt das Land vorn, das die besten Facharbeiter, Kaufleute und Handwerker besitzt.