• Wassily Kandinsky: "Die gesamte Druckgraphik" (Lenbach Galerie, München): Die Städtische Galerie in der alten Lenbachvilla an der Luisenstraße gilt als die Hochbarg des "Blauen Reiter", hier hängt eine exemplarische Sammlung der Gemälde, vor allem der frühen Werke Kandinskys, die zum größten Teil aus der Gabriele-Münter-Stiftung stammen. Zum 100. Geburtstag des Künstlers hat nun der rührige Direktor der Galerie, Konrad Röthel, eine so gut wie vollständige Ausstellung der Druckgraphik Kandinskys veranstaltet. Die 159 Exponate (entstanden 1901 bis 1939) stammen fast alle aus der Städtischen Galerie.

Kandinsky war ungefähr zwei Jahre lang Leiter einer Druckerei in Moskau, beherrschte also das Technische, das Handwerkliche von Lithographie, Holzschnitt und Radierung in außergewöhnlichem Maße. Die ersten Arbeiten des jungen Kandinsky (um 1901 bis 1903) sind vom Motiv her fast konventionell: Daman auf der Promenade; Kinder im Park; ein Herr lüftet höflich den Hut; lange Roben schleppen im Sande; ein Springbrunnen plätschert graziös. Ausladende Jugendstilornamentik mischt sich mit russischer Tradition ("Macht-Groß", 1903), Pompöses mit einer weichen Schwermut, die sich vor allem in der Farbe dieser ersten Schnitte und Lithos ausdrückt. Die flächigen Schatten, die Menschen und Dinge werfen, das flockige Grau ocer Blau des Himmels, ein verwaschenes Grün der Wiesen, die leicht fallenden Kleider und Röcke – alles sieht aus wie aus buntem Seidenpapier geschnitten und aufgeklebt.

Gabriele Münter hat den Freund solcher "Spielereien" wegen gescholten, Kandinsky sie nachdrücklich verteidigt: Für ihn hat die Frage "Wozu" wenig Sinn, Doch diese "Sachen, die noch keine Kunstwerke sind, sondern Stationen, Wege zu denselben", hören dann ziemlich plötzlich auf. Eben noch hat eine pechschwarze "Katze" fauchend und sehr gegenständlich ihren Rücken gebuckelt, da tauchen bereits die ersten abstrakten Stilelemente auf, der "Blaue Reiter" (1912) oder Frauen mit gelben oder orangefarbenen Gesichtern. Der knappe Umriß ersetzt die ausführliche, beschreibende Linie, Bildtitel wie "Improvisation" und "Schwarzer Fleck" treten an die Stelle der "Dame mit Fächer" (1903) und der "Promenade gracieuse" (1904).

Kandinskys späte graphische Arbeiten haben selten noch konkrete Themen, meist unpersönliche Motive. Ganze Serien entstehen: "Lithographie I bis VI" (1913 bis 1914). Die Farblithographien "Kleine Welten" erscheinen 1922. Die Linie durchbricht das Maß, das ihr früher vom Gegenstand her gesetzt wurde, sie wird geometrisch konstruiert, selbständig und endlich abstrakt. "Aus der Unwahrheit (Abstraktion!) soll Wahrheit sprechen" – Kandinsky beobachtet sich und die Verwandlungen seiner Kunst sehr sorgfältig, es ist nicht Willkür, Sucht nach Neuem, die ihn dazu treibt, mit ungegenständlichen Formen, Farben und Kompositionen zu experimentieren. Der späte Kandinsky braucht sich nicht mehr "um den Inhalt" zu kümmern, sondern nur und ausschließlich um die richtige Form. Und die richtig herausgeholte Form drückt ihren Dank dadurch aus, daß sie selbst ganz allein für den Inhalt sorgt, so schreibt er 1937 in seinen Essays "Zugang zur Kunst". Die Blätter der Münchener Ausstellung (bis zum 15. 10.) beweisen es. Marianne Bernhard

  • "Alte und moderne europäische Exlibris" (Hamburg, Staats- und Universitätsbibliothek und Hamburg-Haus Eimsbüttel): Die Kunst der Exlibris ("Bucheignerzeichen") ist nur ein Randgebiet, aber so reizvoll und bis heute so beliebt, daß sich Exlibristen aus aller Welt zu internationalen Kongressen zusammenfinden. Der XI. Exlibris-Kongreß hat jetzt in Hamburg stattgefunden, ihm zu Ehren gibt die Staatsbibliothek, bis Ende August, einen Überblick über die schönsten historischen Exemplare (aus eigenem Bestand und zwei bedeutenden Privatsammlungen). Die ältesten stammen vom Ende des 15. Jahrhunderts, Dürer hat fünf Exlibris entworfen (für seinen Freund Pirckheimer eines, mit Familienwappen und dem Sinnspruch "Sibi et amicis").

Das Exlibris wurde entweder gleich auf den Vorderdeckel geprägt ("Superexlibris") oder als Einzelblatt gedruckt und eingeklebt. Der Holzschnitt wurde rasch vom Kupferstich und der Radierung abgelöst. Die geistvollsten Blätter gehören ins buchfreudige 18. Jahrhundert. Die moderne Exlibris-Schau (im (Hamburg-Haüs Eimsbüttel) ist reich bestückt mit Beiträgen aus vielen europäischen, auch östlichen Ländern einschließlich UdSSR, Tschechoslowakei, obgleich man hier eigentlich ein Interesse an dieser großbürgerlichen und besitzerstolzen Liebhaberei nicht erwarten sollte. Allerdings hat man doch wohl allzu oft das Feld den Gebrauchsgraphikern überlassen, Die beliebteste "Symbolfigur" ist das nackte Mädchen, bald als Nixe, bald als Muse gestaltet, der Zusammenhang mit dem Buch ist nicht ganz einleuchtend, es sei denn, es handle sich um die von einem jungen Tschechen entworfenen "Sex-Libris". Das sachlichste Exlibris gehört der LPG "Neuer Weg" in der DDR, es beschränkt sich auf ein Gorki-Zitat ("Liebt das Buch, die Quelle des Wissens"). Soll das Exlibris wirklich am Leben bleiben, dann muß es künstlerisches Niveau bekommen, dann müßten die Herren vom Exlibris-Kongreß sehen, daß sie Künstler von Rang für diese Aufgabe gewinnen können. Gottfried Sello