Chelsea – der Londoner Stadtteil, nicht der Fußballklub – ist eindeutig with it. Das Modewort, selbst den älteren Engländern kaum verständlich, ist nicht nur unübersetzbar, sondern auch schwer zu erklären, denn "wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen". With it ist jemand, der nicht square, sondern beat ist. Wer with it ist, bejaht (und praktiziert nach Möglichkeit selbst) die neue Sexmoral, Pop-Musik, Pop-Kunst, abstrakte Kunst, absurdes Theater, ausgelassene (aber nicht unbedingt orgiastische) Partys, die Beatles-Frisur und alles, was dazugehört. Er – oder sie – lehnt alles als belanglos und langweilig ab, was konventionell ist.

Man braucht nur an einem Sonnabendvormittag durch King’s Road, die enge Hauptverkehrsader des Bezirks, zu gehen, um zu erkennnen, daß Chelsea ganz und gar with it ist. Da sind vor allem die Mädchen: in schwingenden mini-skirts, Röckchen, die häufig nur bis zur Hälfte der Oberschenkel reichen, oder in flatternden oder hautengen langen Hosen von jeder denkbaren Farbe (und man muß wahrhaftig die langen, schlanken Beine der Engländerinnen haben, um in dem einen oder dem andern nicht lächerlich auszusehen), mit kurzem oder auch mit offenem, über den Nacken fallendem Haar.

Man kann nicht bestreiten, daß manche der girls ungemein attraktiv aussehen. Sie haben es offensichtlich gelernt, sich nicht nur frivol, sondern auch mit Geschmack zu kleiden. Das gleiche kann man allerdings nicht unbedingt von ihren langhaarigen männlichen Partnern sagen, die – häufig bärtig und in bunte Pullover und jeans gekleidet – mit unmißverständlichem Nachdruck den Wunsch zur Konformität, der früher den Gentleman kennzeichnete, mit dem Willen zur Exzentrizität vertauscht haben. Aber obwohl es bereits bedauerlich schwierig geworden ist, einen boy von einem girl zu unterscheiden, tragen auch sie dazu bei, dem Straßenbild etwas zu geben, was man in modernen Großstädten so selten findet: Stil.

Es ist der Stil dieser Jugend, der Chelsea sein neues Image gegeben hat: optimistisch, aber gleichzeitig zynisch, vital und sophisticated, vorurteilsfrei, tolerant und erotisch.

Im Grunde hat Chelsea immer einen besonderen Platz im Londoner Stadtmosaik eingenommen. Es kann sich vor allem einer Tradition rühmen, auf die sich der gleichzeitig kosmopolitische und englische. – oh, wie englische! – neue Lebensstil unschwer aufpfropfen ließ. Wenn man die historischen Zusammenhänge überspitzen wollte, könnte man daran erinnern, daß Chelsea schon im 16. Jahrhundert der Zukunft zugewandt war; denn hier schrieb Sir Thomas More seine "Utopia". (Er lustwandelte auch im Garten seines herrlichen Landhauses in Chelsea, konversierend mit seinen Freunden Erasmus von Rotterdam, Hans Holbein und Heinrich VIII.; der König ließ ihn später gewisser kleiner Meinungsverschiedenheiten wegen um einen Kopf kürzer machen.)

Man könnte außerdem, und zwar mit größerem Recht, darauf hinweisen, daß man sich in Chelsea schon immer über ästhetische Dinge begeistert und ereifert hat. In Cheyne Row stehen zum Beispiel vier Götterbäume (Ailanthus glandulosa), um die bereits Thomas Carlyle, der dort wohnte, einen erbitterten Kampf führte. Seine Frau Jane drohte sogar, die Gemeindeangestellten, die die Bäume fällen sollten, mit einer Pistole niederzuschießen. Nun, der Kampf um diese vier Bäume ist auch heute, ein Jahrhundert später, noch nicht zu Ende.

In Chelsea baute Sir Christopher Wren vor dreihundert Jahren eines der schönsten Gebäude von London, das Royal Hospital, das ebensowenig ein Hospital ist wie das Hotel des Invalides in Paris, das die Anregung zu seinem Bau gab, ein Hotel. Das Royal Hospital ist ein Heim für Kriegsveteranen, sanft in anmutiges Parkland gebettet. Es ist keineswegs das einzige Schmuckstück von Chelsea. Der Stadtteil ist reich an verschlafenen Gärten und architektonischen Kleinoden; und noch heute entzückt in den stillen Seitenstraßen die diskrete Eleganz von Patrizierhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert.