Von Peter Rühmkorf

Dichter hinaus auf den Marktplatz und unter die Leute! meinte der "Schutzverband Deutscher Autoren Nordwest" und arrangierte eine Veranstaltungsreihe, die am Freitagabend voriger Woche ihren Anfang nahm: Auf dem Hamburger Adolphsplatz, vor der Deutschen Bank und gegenüber der Börse, die Kameras von Fernsehen und Wochenschau im Genick, diskret vom Michael-Naura-Quartett begleitet, las Peter Rühmkorf gedruckte und ungedruckte Gedichte (ein Bericht findet sich auf Seite 7 dieser Ausgabe) – und hielt eine Rede über eben die Frage, die zu diesem Abend geführt hatte und die dieser Abend aufs neue stellte, über die Marktchancen der Lyrik.

Als der Schutzverband Deutscher Autoren mir mit dem Titel "Dichter auf dem Markt" ins Haus schneite und seine Vorsitzenden mir nahelegten, ich möchte doch endlich meine Dachstube verlassen und mich – wie die Kollegen des Altertums – auf den Markt begeben, da nickte ich zunächst verständnisinnig, weil das schöne Beispiel mir ohne weiteres einleuchtete. Erst als ich dann wieder mit mir allein war und mir meine bisherige Existenz kritisch durch den Kopf gehen ließ, da war es, daß mir plötzlich ein Licht aufging, ich habe ja gar keine Dachstube, ich hätte vielmehr gern eine, vielleicht im lieblichen Pöseldorf, im niedlich verhutzelten Ovelgönne, im bergichten Teil von Blankenese, und wie mir das freundliche Bild so nach und nach zu nichts zerging, zog auch der Markt nach, dieser uns höchstbehördlich eingeräumte Adolphsplatz, diese durch ein Dutzend und mehr kostenpflichtiger Einzelgenehmigungen abgesicherte Kulturschutzzone, diese vor einer wahrhaft imponierenden Kulisse aus Banken, Börse und Kreditinstituten hingelagerte Darbietungsarena, und ich muß gestehen: das alles wurde mir denn doch ein bißchen unwirklich.

Das heißt freilich nicht, daß ich mich gerade schon wie Philip Lord Chandos fühlte. Sie kennen ihn, es ist der fiktive Briefschreiber, dem Hofmannsthal seine inzwischen berühmt gewordenen Zweifel an der Welt der Wörter, Bilder und Begriffe in die Feder diktierte, und Sie wissen auch, daß der Mann von Empfindungen geplagt wurde der Art, es würden ihm die Wörter "wie modrige Pilze" im Munde zerfallen. So also ging es mir nicht, und über so extreme Sensationen kann ich nichts vermelden.

Aber die Sache mit dem Markt und der Poesie erschien mir doch immer mehr wie ein schwarzer Schimmel, wie ein schwimmender Mühlstein, wie eine Geiß im Schwalbennest, und ernsthafte Sorgen drängten sich nach vorn – Sorgen über die realen Marktchancen solcher gereimten und gebundenen Kurzwaren, wie ich sie nun seit Jahren vertrete.

Wie sehen die Chancen aus und was ist mit der Sorge? Die Sorgen sehen etwa folgendermaßen aus. Um ein Gedicht von guter oder auch nur mittlerer Qualität wirklich marktfertig zu machen, das heißt, es aus dem ursprünglichen Rohzustand auf jene Hochform zu bringen, die der Kunde heute verlangt, muß bereits eine Vorinvestition von achthundert bis tausend Mark pro Stück geleistet werden. Diese Belastung seitens des Verfassers hat mit der sogenannten Inspiration zunächst überhaupt nichts zu tun. Inspirationen kommen auch ihm meist gratis zu und aus vergleichsweise heiterem Himmel. Man kann, wenn man das zur Zeit ein wenig diskreditierte Wort "Inspiration" lieber vermeiden möchte, natürlich genau so gut von Einfällen sprechen – die muß man in jedem Falle haben; damit verschiebt sich aber allenfalls der Name, nicht das finanzielle Grundproblem, und das hat weder mit diesem, noch mit jenem zu tun, sondern einzig mit dem Fertigungsprozeß.

Um Ihnen einen Einblick in die diesbezüglichen Schwierigkeiten zu geben. Wenn wir im Schnitt – und das betrifft wiederum nur die Güteklasse B, nicht die absolute Spitzenware: "Wer reitet so spät", "Er stand auf seines Daches Zinnen", "Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt", "Heilig Vaterland, in Gefahren", "Welle der Nacht, Meerwidder und Delphine" – wenn wir uns also dem wirklichen Mittelklassegedicht zuwenden und hier einen Inspirationsanteil von sagen wir zehn Volumenprozenten konstatieren, dann bleibt, ob wir es wahrhaben möchten oder nicht, ein irdischer Rest von neun Zehnteln, also die große Masse, für die muß doch zunächst einmal jemand aufkommen, die muß doch zunächst einmal von jemandem erstellt werden.