R. H., Hamburg

Droben, auf der Ladefläche des Lastwagenanhängers, stand das Michael-Naura-Jazzquartett. Sein Cool-Jazz sollte untermalen und unterbrechen, was Peter Rühmkorf von seiner Lyrik und Prosa den Zuhörern auf dem Adolfsplatz vortragen wollte. Ob in der Bundesrepublik und besonders in Hamburg viel Platz für Dichtung ist oder nicht – dieser Platz, nicht zu klein und nicht zu groß, war gut und listig gewählt. Gut, weil es mit der Akustik klappte; listig, weil er von Banken und von der Börse begrenzt ist.

Jene Aktivität, die in Hamburg unter dem Schlagwort "Belebung der Innenstadt" mit Würstchen im Freien seit Wochen Erfolge verzeichnet, hatte nun den Schritt zum Geistigen gewagt. Ohne Netz, ein Kunststück auf dem Hochseil. Der Mann auf dem Seil war Rühmkorf, das Seil jener Laster, dem man das abstoßende, lyrikfremdes Grau durch eine rot-weiße Kaffeehausmarkise genommen hatte.

"Treten Sie bitte noch etwas zurück. Hier vor der Börse ist immer noch Fahrbahn", mahnte ein Polizist wiederholt. Eintausend etwa waren erschienen, standen um die Fernsehkameras und den Aufnahmewagen herum, auch dicht vor den Brettern, die hier auf neue Art die Welt bedeuteten, oder saßen auf den Stufen der Deutschen Bank und der Börse. Ein gewisses Maß an normalem Verkehrslärm war von denen eingeplant, die einmal ausprobieren wollten, ob es denn wirklich nicht möglich sein sollte, ein paar Leute anzulocken, die sich anhören sollten, was sie vielleicht niemals lesen würden.

Solches Publikum mochten der Herr vom Schutzverbänd der Autoren e. V. und Hamburgs neuer Kultursenator erwartet haben. Sie begrüßten die Anwesenden denn auch schüchtern mit altväterlichen Trinksprüchen, Entschuldigungen aus Belegen der Antike zapfend. Herr Trinkler vom Schutzverband hieß den Senator gewitzt als Schriftsteller willkommen (Buchtitel Kramers: "Wir wollen weiter marschieren", "Die weiße Kette – Geschichte der Zigarette"). Und Gerhard Kramer begrüßte die Gäste "nicht in meiner Funktion als Kultursenator" und erinnerte daran, daß hier etwas wiederbelebt werden solle, was auf der Agora 500 vor Christi Geburt die Dichter im alten Hellas schon übten: ihre Produkte zu Markte tragen.

Der Senator indessen, den die Scheinwerfer blendeten, verkannte das Publikum. Dies brauchte weder historische noch sonstige Rechtfertigung für das Unternehmen. Einige versuchten schließlich, ihn durch rhythmisches Händeklatschen zum Schweigen zu bringen. Denn: fast nur junge Leute und noch dazu solche, die wissen, was Bücher, Kunst, Autoren sind, standen, als die Rathausuhr acht schlug, auf dem Platz. Sie waren nicht gekommen zu staunen, zu grinsen oder einen Verrückten nebst Jazzkapelle zu besichtigen. Sie wußten, wen und was sie mit Rühmkorf zu erwarten hatten und waren seinetwegen gekommen. Auch ließen sie sich nicht in die schlichten Kanzlerkategorien "Pinscher" und "Gammler" einfügen, wenngleich einige, da es warm war, den Pullover wie einen Schal um den Hals trugen.

Und Rühmkorf rezitierte: "....Wanderer, kommst du nach Deutschland, sage du habest uns hier unterliegen sehen, wie es der Vorteil empfahl." Ein Polizist meinte: "Wenn’s gut ist – warum nicht? Immer ran ans Mikrophon!" Ein anderer aber sagte: "So was will ich nicht hören. Das verstehe ich nicht, und ich will es auch gar nicht verstehen."