Lin Piao, chinesischer Marschall und Verteidigungsminister, hat seinen Rivalen Liu Tschao-schi im Kampf um die Nachfolge Mao Tse-tungs überrundet. In der Parteirangliste fiel Staatspräsident Liu von Platz zwei auf Platz acht. (Das Politbüro hat nur sieben Mitglieder.) Bei einer Massenkundgebung in der vorigen Woche stand der 58jährige Marschall Seite an Seite mit Mao auf dem hohen Balkon des Pekinger "Tores zum Himmlischen Frieden". "Neues China" feierte ihn als Maos "teuersten Kameraden". Er durfte auch "im Namen" des Parteivorsitzenden die Festansprache halten.

Der 72jährige Parteichef selber hüllte sich in Schweigen. Während der siebenstündigen Parade war ständig eine Krankenschwester in seiner Nähe. Ist seine Gesundheit doch in Gefahr? Jedenfalls scheint der alte Mann froh zu sein, daß er in seinem "engen Waffengefährten" Lin einen Nachfolger gefunden hat, der auf Maos Ideologie eingeschworen ist und Moskau die Stirn bietet. Der führenden Rolle, die der Armee jetzt beim "kleinen Sprung vorwärts" (dem neuen Fünfjahresplan) zukommt, zollte auch Mao seinen Tribut: Er hatte den olivgrünen Militärrock angezogen.

Die Parole heiße nun: "Es gibt nur einen Mao, und Lin ist sein Prophet", schrieb der "Economist". Als Ideologe hat sich der Marschall vor einem Jahr mit einem 30 00-Worte-Artikel "Es lebe der Sieg im Volkskrieg!" hervorgetan (eine chinesische Aggressionsabsicht ist daraus allerdings nicht abzulesen), der nun als ein "leuchtendes Beispiel für die ganze Partei und die gesamte Nation" beweihräuchert wird (siehe Kasten).

Die von Lin angeführte "große proletarische Kulturrevolution" soll China gründlich umkrempeln. Lin Piao: "Ungeziefer und Heiligtümer werden mit Füßen getreten." Und so geschah es: Maos "Rote Garde", die hastig aufgestellte neue Jugendbewegung, raste bilderstürmend durch die Straßen Pekings, riß die Neonreklamen lerunter, räumte antikes Porzellan und Steingut aus den Läden, ersetzte die Kosmetika in den Schaufenstern durch Besen und Bürsten und verriegelte die "unnützen" Briefmarkenläden.

Halbstarke stutzten ihre langen Haare und schlitzten ihre "Jeans" auf, junge Frauen eilten nach Hause, um ihre Dauerwellen zu glätten. Die wildgewordenen Teenager tauften auch die Straßen um. Der Sowjetbotschafter wohnt nun an der "Straße des Kampfes gegen den Revisionismus".