Von Hang von Kuenheim

Berlin, im August

So sehr sich der politische Alltag dieser Stadt verändert hat, das Flüchtlingslager in Berlin-Marienfelde gibt es immer noch. Der helle Wohnblock, mit seinen kahlen Korridoren, mit seinen Schlafsälen, die heute freilich nur spärlich belegt sind, dient immer noch dem gleichen Zweck: Durchgangsstation zu sein für Menschen aus Mitteldeutschland, die es – aus welchen Gründen auch immer – in die Bundesrepublik zieht.

Solange es mitten in Deutschland Drahtverhau, Minenfelder und in Berlin die Mauer gibt, solange werden auch Menschen versuchen, diese Hindernisse zu überwinden, um von einem Teil Deutschlands in den anderen zu kommen. In der Terminologie der DDR heißen jene, die über Brückenbögen hangeln, unter Stacheldrähten hindurchkriechen oder durch Kanäle und Flüsse schwimmen, "Sperrbrecher". Und solange es die "Sperrbrecher" gibt – im letzten Jahr waren es 2 329 – und jene rund 10 000 anderen, die auf verschlungenen Wegen über das Ausland in die Bundesrepublik kommen, so lange werden im Flüchtlingslager Marienfelde in Berlin Beamte Protokolle aufnehmen, Aufnahmeverfahren einleiten, die schwarzen von den weißen Schafen zu trennen versuchen, und so lange werden Flüchtlinge mit einem Laufzettel in der Hand von Tür zu Tür wandern und Fragen über sich ergehen lassen müssen.

Solange also Menschen innerhalb Deutschlands nur illegal von einem Teil in den anderen kommen, so lange wird auch die ZEIT auf ihre Rubrik "Barbara bittet" nicht verzichten können. Die Flüchtlingsstarthilfe, vor Jahren von einer Handvoll Hamburgerinnen gegründet, die meinten das Schicksal ihrer Mitmenschen gehe auch sie etwas an und nicht nur die Behörden, ist immer noch unentbehrlich. Es würde im Marienfelder Lager etwas fehlen, wenn nicht auch die Flüchtlingsstarthilfe hier ihre Zelte aufgeschlagen hätte. Der Blick auf den "Einzelfall", die menschliche Wärme, würde fehlen.

Die Gesichter der oft sehr jungen Menschen, die in den Korridoren vor den Zimmern der verschiedenen Behörden warten, sind verschlossen. Der Mund ist verkniffen, die Augen blicken angestrengt. Ihre reservierte, skeptische Haltung weicht auch nicht, wenn sie Herrn Flöter, dem Vertreter "Barbaras" im Berliner Flüchtlingslager, gegenübersitzen. Herr Flöter ist ein älterer Mann. Er war einst Bürgermeister einer kleineren mitteldeutschen Stadt. Als alter Beamter ist er peinlich korrekt, aber er versteht auch, mit Menschen umzugehen. Behutsam behandelt er jene, die Hilfe brauchen, weil staatliche Behörden sie ihnen versagen mußten. Grund: Die Vorschriften sahen diesen Fall nicht vor.

Der Steinfacharbeiter, der gerade seinen 29. Geburtstag feiert, hatte nach dem Bau der Mauer schon einmal versucht, nach Westberlin zu gelangen. Er wurde geschnappt, mußte für zwölf Monate hinter Gitter, und erst der zweite Versuch gelang. Nun ist er bei einer Tante untergekommen, einer alten Frau, die eine kleine Rente, bezieht. Er zieht aus seiner Tasche den abgegriffenen Laufzettel – bald hat er die bürokratische Prozedur überstanden und darf dann endlich anfangen zu arbeiten. Bei seiner alten Firma, bei der er auch vor dem Bau der Mauer gearbeitet hatte.